ZEIT ONLINE: Herr Renzikowski, Auslöser für die heutige Verschärfung des Sexualstrafrechts war die Affäre um den SPD-Abgeordneten Sebastian Edathy. Von diesem war Anfang des Jahres bekannt geworden, dass er sich Nacktbilder von Jugendlichen besorgt hatte, die allerdings nicht als pornografisch galten. Muss jemand, der sich solche Bilder besorgt in Zukunft mit Strafe rechnen?

Renzikowski: Ja, wenn er die Bilder selbst bestellt und dafür bezahlt hat. Denn durch die heute beschlossene Gesetzesänderung wird die kommerzielle Verwendung und Herstellung von Bildern nackter Minderjähriger als Verletzung des persönlichen Rechts am Bild unter Strafe gestellt.

Das können auch relativ harmlose Bilder von nackten spielenden Kindern sein, vorausgesetzt, dass man sie kauft.

ZEIT ONLINE: Anfangs gab es ja die Befürchtung, dass nun jeder, der Nacktbilder von seinen Kinder macht, mit dem Gesetz in Konflikt gerät oder dass auch Kunst oder Medien stark eingeschränkt würden. Sehen Sie diese Gefahr gebannt?

Renzikowski: Ja, Fotos vom Planschbecken oder auch vom FKK-Strand sind weiterhin möglich, solange sie nicht kommerziell genutzt werden. Auch Kunst, Forschung, Wissenschaft und Presse sind nicht betroffen.

ZEIT ONLINE: Also ein gelungenes Gesetz?

Renzikowski: Nein, es ist unglaublich detailliert und kompliziert und es birgt viel Unklarheit. Was bedeutet zum Beispiel "nackt"? Muss eine Person komplett nackt sein und ist jemand mit einem Stringtanga nackt? Oder was ist mit einem Mädchen, das sich ein dünnes Tuch vorhält, das mehr ent- als verhüllt? Ich bin neugierig, was die Gerichte daraus machen.

Außerdem: Wenn es um das persönliche Recht am Bild geht, warum ist Nacktheit dann nur bei Kindern ein Problem? Niemand möchte doch gerne nackt im Internet sein. Da zeigt sich die mangelhafte Reflexion auf den Fall Edathy.

ZEIT ONLINE: Macht man sich künftig strafbar, wenn man die Bravo kauft?

Renzikowski: (Lacht), wenn in der Bravo ein nackter Minderjähriger wäre und ich mir dieses Bild durch ein Entgelt – sprich den Kauf der Zeitung – beschaffe, ja, das wäre strafbar.

ZEIT ONLINE: Worauf müssen Jugendliche achten?

Renzikowski: Also wenn sich Jugendliche gegenseitig nackt fotografieren, ist das kein Problem, nur wenn sie die Bilder ihrer Freunde dann verkaufen. Aber es geht ja nicht nur um Nacktheit.

Verboten wird ja auch die Verbreitung von Bildern, die "dem Ansehen der Person schaden" oder "hilflose Personen" zeigen. Einerseits ist das natürlich gegen Mobbing gerichtet. Aber auch in diesem Zusammenhang ist vieles völlig unklar. Jugendliche sollten künftig schon vorsichtig sein: Das Bild meines kotzenden Freundes sollte ich jedenfalls nur noch mit dessen ausdrücklicher Zustimmung ins Internet stellen.

ZEIT ONLINE: Auch die Definition von Kinderpornografie wurde verschärft.

Renzikowski: Ja, da ist viel Hysterie und Populismus im Spiel. Wir hätten uns an der EU-Definition orientieren sollen, die "die Darstellung von Genitalien zu primär sexuellen Zwecken" verbietet. Bei uns ist nun stattdessen die Rede von "der Wiedergabe eines ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich betonter Körperhaltung". Da frage ich mich, was bedeutet hier unnatürlich? Auf besonderen Wunsch aus Bayern fällt auch die Abbildung eines sexuell aufreizenden, nackten Kindergesäßes unter Kinderpornografie. Das halte ich für völlig überzogen. Ein nackter Po ist doch keine Pornografie. Was soll da sexuell aufreizend sein?

ZEIT ONLINE: Wird es nun eine Flut von Prozessen geben, weil Staatsanwaltschaft und Polizei jedem Bild nachgehen müssen, das dem Ansehen einer Person schaden könnte?

Renzikowski: Die Behörden sind ja jetzt schon mit der Verfolgung von Kinderpornografie hoffnungslos überfordert. Ich glaube deswegen, dass die neuen Vorschriften in der Praxis gar keine so große Rolle spielen werden. Denn die Ressourcen werden ja nicht aufgestockt.