Drei Schritte trennten Joachim Schiemanns Tisch im Forschungsinstitut von dem von Ralf M. Zehn Jahre arbeiteten sie im selben Zimmer, schauten zum selben Fenster hinaus in den Innenhof, machten die gleichen Witze über die Stasi, die SED und über das Leben in der DDR. Und doch könnte der Graben, der sich in dieser Zeit zwischen den beiden Kollegen auftat, nicht größer sein. Ralf M. alias IM "Görlich" war ein Spitzel der Stasi und Schiemann sein Opfer.

Ihre Geschichte ist eine vieler Geschichten über die Stasi, die Wende und moralische Untiefen. Trotzdem ist sie anders. Sie endet nicht vor 25 Jahren. Denn auch nach dem Mauerfall musste das Opfer unter dem Spitzel leiden, nun in Westdeutschland, während es für Görlich selbst nie Konsequenzen gab. Er ist bis heute Professor an der Technischen Universität Braunschweig. Weil man über seine Vergangenheit zunächst nichts wusste und später nicht genug wissen wollte.

Frühere Spitzel flohen vor ihrer Vergangenheit in den Westen

Kurz nach der Wende zieht es die Menschen in Scharen aus der ehemaligen DDR Richtung Westdeutschland. Die meisten suchen einen neuen Job, eine bessere Zukunft und ein Leben im viel besungenen Westen. Aber einige im Tross wollen auch die Spuren ihrer Vergangenheit verwischen. Nicht umsonst, sagt Helmut Müller-Enbergs von der Stasiunterlagenbehörde, sei unter IM das Übersiedeln regelrecht "ein Volkssport" gewesen. Auf der anderen Seite der früheren Grenze mussten sie keine ernsthaften Folgen fürchten.

Auch Görlich und Schiemann, der Spitzel und sein Opfer, verschlägt es fast zeitgleich nach Braunschweig. Ähnlich wie zu DDR-Zeiten arbeiten die beiden kollegial zusammen an Projekten. Wenig trübt ihr Verhältnis, bis zum Jahr 1996.

Ein gemeinsamer Kollege erfährt aus seiner Stasi-Akte, dass Görlich ein Spitzel war und erzählt es Schiemann. Kurz darauf sprechen beide miteinander, Görlich erklärt sich. Er habe kooperieren müssen für die Studienplätze von Sohn und Tochter. Nie habe er etwas berichtet, dass jemandem schaden könnte.

"Ich habe ihm damals geglaubt, weil es wirklich Leute gab, die bei der Stasi unterschrieben haben, und nie etwas getan haben", sagt Schiemann heute. Ein gutes halbes Jahr später schaut er in seine eigene Akte und was er dort liest, kann er kaum glauben.

Auf das Ausspionieren folgen die Lügen

In den Berichten für die Stasi erzählt Görlich nicht nur, dass Schiemann versuche, sich von westlichen Wissenschaftlern "Einladungen, in die BRD" zu erschleichen, obwohl kein fachliches Motiv vorliege. Auch weiß Görlich zu berichten, dass Schiemann seine Kontakte zu Oppositionellen verstärke. Außerdem nehme er Post mit nach Halberstadt, um sie der Kontrolle der Stasi zu entziehen.

Vieles von dem, was Görlich berichtet, ist wahr. Aber er gibt den Informationen einen eigenen Dreh. Er fügt ein wenig hinzu, um dem Ganzen etwas Verschwörerisches zu geben. Und die Stasi springt darauf an. Im Sommer 1989 sieht sie den Verdacht als gegeben, dass Schiemann ein West-Agent ist und bereitet alles vor, um ihn zu überführen. Heute sagt der Verdächtigte: "Wäre die Wende nicht passiert, Görlichs Berichte hätten mich wohl in den Knast gebracht."

Auf den ersten Schock folgt der nächste. Als Schiemann beschließt, alle Kontakte zu Görlich und der Uni Braunschweig abzubrechen und seine Gründe den Kollegen erklärt, schlägt ihm nur Unverständnis entgegen. "Müsst ihr eure schmutzige Wäsche aus dem Osten hier waschen", hätten manche gesagt, erzählt Schiemann.

Auch der damalige Präsident der Universität, Bernd Rebe, zeigt zunächst wenig Verständnis. Erst in einem Gespräch zwischen ihm, Schiemann und Görlich stellt er sich auf die Seite des Opfers. Doch obwohl Görlich bei seiner Verbeamtung unterschrieb, nicht für die Stasi gearbeitet zu haben, bleiben echte Konsequenzen aus.

Und so ist es bis heute geblieben. Weil keiner der zahlreichem Kollegen am Institut ein Wort über die Angelegenheit verlor. Und auch weil Schiemann als Opfer schließlich sich in die Mauer des Schweigens einreihte und keinen Brief an das zuständige Ministerium schrieb.

Enquete-Kommission für Niedersachsen

Es ist eine Mischung aus Ignoranz und Unbeholfenheit, die im Westen bis heute eine Aufarbeitung von Stasi-Fällen verhindert. Aber das könnte sich ändern. Björn Thümler, Fraktionsvorsitzender der CDU im niedersächsischen Landtag, hat einen gewagten Vorstoß gemacht. Er möchte in Niedersachsen eine Enquete-Kommission einsetzen. "Sie soll aufarbeiten, wie vor und nach der Wende sich Stasispitzel in Niedersachsen eingenistet haben und wie Menschen zu ihren Opfern wurden", sagt Thümler. Sollte der Vorschlag umgesetzt werden, wäre es ein Novum. Es wäre das erste Gremium dieser Art in einem westdeutschen Bundesland.

Der Stasi-Forscher Müller-Enbergs begrüßt die Idee einer solchen Kommission und fordert, dass das bisherige Schweigen zum Schutz der Täter aufhört. "Wir sind das der Geschichte und unseren Nachkommen schuldig", sagt er.

Doch wie genau soll das aussehen? In Braunschweig zerbricht man sich darüber schon jetzt den Kopf. Rechtlich gesehen ist Görlich inzwischen nicht mehr zu belangen, das haben interne Prüfungen ergeben. Trotzdem will man sich der Geschichte offen stellen. "Wir haben gerade endlich die Vergehen der Nazi-Zeit dieser Uni aufgearbeitet. Es kann nicht sein, dass wir wieder 60 Jahre brauchen, um unsere Vergangenheit aufzuarbeiten", sagt der jetzige Präsident der Uni, Jürgen Hesselbach. Er nennt das Handeln von Görlich einen Fehler und kritisiert den mittlerweile verstorbenen ehemaligen Uni-Präsidenten Rebe. Wie genau man den Fall aber aufarbeiten wird, weiß auch Hesselbach noch nicht.

Der Täter selbst sieht indes seine Sühne bereits getan. Auf Anfrage erklärt Görlich schriftlich, er bedauere, mit der Stasi zusammengearbeitet zu haben. Nur um dann einen Satz später zu relativieren: "Ich habe Joachim Schiemann dadurch nicht in seiner weiteren wissenschaftlichen und beruflichen Entwicklung behindert." Dass sein Opfer wegen ihm die Zusammenarbeit mit der Uni Braunschweig einstellte, ist mit keinem Wort erwähnt. Görlich schreibt:

"Jeder von uns jüngeren Wissenschaftlern hat damals regelmäßig versucht, Einladungen in westdeutsche oder andere westliche Länder (zu Tagungen oder Laborbesuchen) zu erhalten. Das war gang und gäbe und nichts Geheimes.." Dass er jedoch Schiemann einen fachlichen Grund für solche Einladungen absprach und ihn damit verdächtig machte, erwähnt er nicht. Ähnlich verhält es sich auch mit der Episode der mitgenommenen Post. Er habe nicht die Aktentasche von Schiemann durchsucht, um diese Information zu bekommen. Auch das mag stimmen. Trotzdem steht zusätzlich in der Akte vermerkt, hier wolle einer der Stasi den Einblick in die Post verwehren. Erklärt sich so einer, der wirklich bereut?

Vielleicht kann es in diesem Fall keine echte Wiedergutmachung für das Opfer geben. Vielleicht lässt sich der Graben, der sich vor mehr als 25 Jahren zwischen beiden auftat, nicht mehr zuschütten. Und vielleicht war es darum Schiemanns beste Entscheidung, einen Brief, der Görlich seinen Job gekostet hätte, nicht an die zuständige Stelle des Ministeriums zu schicken.

Ein Zweizeiler hätte ausgereicht und Görlich wäre gefeuert worden. Schiemann tat es nicht. Er sagt, er habe den Brief nicht geschrieben, weil er selbst zu viel Macht gespürt habe: "Die soziale Existenz eines Menschen in der Hand zu haben und zerstören zu können, es gibt nichts, das sich so widerlich anfühlt." Nicht selbst ein Täter zu werden – vielleicht ist das die größte Genugtuung für ein Opfer.