Dem Sterben angemessen

Es kommt sehr selten vor, dass Abgeordnete im Bundestag über sich selbst sprechen, über letzte, schwierige und höchst persönliche Fragen; in hohem gegenseitigen Respekt, quer durch die Fraktionen, mit offenem Ausgang und ebenso offenen Selbstzweifeln.

Die fast fünfstündige Bundestagsdebatte über Sterbehilfe an diesem Donnerstag war eine solche, positive Ausnahme – und ein echtes Novum. Denn erstmals überhaupt diskutierten die Abgeordneten nicht direkt über Gesetzentwürfe, wie sie das ohne Fraktionszwang bei anderen heiklen biomedizinischen und -ethischen Fragen getan haben. In einer neuartigen "Orientierungsdebatte" versuchten sie vielmehr, sich erst mal ein Bild über die verschiedenen Positionen zur organisierten Sterbehilfe und zur ärztlichen Sterbebegleitung zu machen. Ein konkretes Gesetz wollen sie daraus erst im nächsten Jahr formulieren.

Die Ansichten verlaufen dabei, das zeigte die äußerst ruhige und ernste Debatte, quer durch die Fraktionen und Parteien, was zu ganz unterschiedlichen, ungewöhnlichen Bündnissen führt. Atheisten aus der Linkspartei und von den Grünen stehen an der Seite gläubiger Christen und "Lebensschützer" aus den Reihen von Union und SPD; CDU-Politiker treten mit Grünen und Linken für ein libertäres Recht auf Selbstbestimmung am Lebensende ein, während andere sich wiederum in der Skepsis treffen, ob der Gesetzgeber überhaupt eingreifen soll.

Bundestag - Positionen zur Sterbehilfe

Eigene Betroffenheit

Fast 50 Abgeordnete meldeten sich zu Wort. Jeder hatte fünf Minuten, und jeder redete nur für sich oder eine der fünf Gruppen, die sich im Parlament bislang zu dem Thema gebildet haben. Niemand sprach dem anderen seine Ernsthaftigkeit und die Berechtigung seiner Position ab. Und viele führten eigene Erfahrungen mit Tod, Leiden und Sterben an. Allerdings zogen sie sehr verschiedene Schlussfolgerungen daraus.

So erzählte Michael Brandt von der CDU, der mit anderen für ein Verbot jeder geschäftsmäßigen, auch ärztlichen Sterbehilfe eintritt, gleich zu Beginn von seinem Vater. Bei diesem wurde, als der kleine Michael gerade geboren war, Krebs diagnostiziert. Krankheit und Tod seien in seiner Familie über viele Jahre immer dabei gewesen. Brandts Position: Beihilfe zum Suizid dürfe nicht unter Strafe gestellt werden. Aber wer die Tür zur aktiven Sterbehilfe durch den Arzt öffne, "der wird sie nicht mehr zubekommen", warnte er.

Sein Fraktionskollege Peter Hintze, der Ärzten Beihilfe zur Selbsttötung ausdrücklich erlauben möchte, berichtete drastisch von ALS-Kranken, die sich nicht mehr selbst töten könnten, und von Patienten mit Mundbodenkrebs, "der sich stinkend nach außen frisst", und denen kein Arzt die Schmerzen lindern könnte. "Leiden ist immer sinnlos", sagte Hintze, ein evangelischer Pfarrer, im Widerspruch zur Haltung seiner Kirche. Er forderte, der Staat dürfe den Einzelnen nicht bevormunden. Der Bundestag solle dem Wunsch der großen Mehrheit der Bevölkerung folgen, Sterbehilfe freizugeben.

Petra Sitte von der Linkspartei erzählte ebenfalls vom langen Siechtum ihres Vaters. Mit ärztlicher Hilfe langsam zu sterben, sei für ihn wie für viele andere "nicht Trost, sondern eine schreckliche Vorstellung". Auch für sie als Atheistin sei das Leben ein großes Geschenk. Sterbehilfe dürfe dennoch nicht verboten werden.

Streit um Sterbehilfe durch Ärzte

Lisa Paus von den Grünen schilderte mit Tränen in den Augen, wie sie vier Jahre lang einen Freund beim Sterben begleitet habe, der an Lungenkrebs litt. Er habe lange darum kämpfen müssen, Medikamente zu bekommen, um sich selbst töten zu können. Am Ende habe er sie nicht eingesetzt, aber allein die Option habe ihn möglicherweise sogar vor dem Suizid bewahrt. Paus' Fazit: "Das Strafrecht hat da nichts zu suchen."

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen und bis vergangenes Jahr Vorsitzende der EKD-Synode, sprach gleichfalls von eigener Betroffenheit: "Ich war noch keine 18, da sollte ich entscheiden, ob Geräte und damit das Leben abgeschaltet werden." Dann fasste sie zusammen: "Wir reden hier als Gesetzgeber auch über uns selbst." Denn, so Göring-Eckardt leise: "Niemand weiß vorher, was er aushalten kann."

Das einte die Abgeordneten in der Debatte. Allen schien bewusst, dass sie diesmal nicht nur Gesetze für andere machen, sondern dass es auch um ihr eigenes Lebensende geht. Gerade deshalb hatten sie keine eindeutigen Antworten auf die große Frage, wie die Gesellschaft es jedem ermöglichen kann, ohne Angst vor Schmerz und dem Verlust seiner Würde zu sterben.

Einig über Ausbau der Palliativmedizin

Einig waren sich alle, dass die Versorgung Sterbender in Deutschland mithilfe der Palliativmedizin und von Hospizen dringend ausgebaut werden muss. Gesundheitsminister Hermann Gröhe, der dazu erst am Dienstag ein 200-Millionen-Euro-Paket vorgelegt hat, bekam breite Unterstützung. Vor allem Rednern der Opposition reicht das aber noch nicht. Sie forderten, dass auch die Situation Pflegebedürftiger verbessert werden müsse, um unter ihnen den Wunsch nach einem vorzeitigen Tod zu mindern.

Einigkeit bestand auch darin, dass Sterbehilfevereine kein "Geschäft mit dem Tod"machen dürften, und dass Töten auf Verlangen, wie es in den Niederlanden oder Belgien erlaubt ist, verboten bleiben soll. In anderen wichtigen Punkten bestehen jedoch deutliche Unterschieden, vor allem was den gesetzlichen Spielraum für Ärzte betrifft, aktive Sterbehilfe zu leisten. Viele Abgeordnete haben dazu offenkundig noch keine feste Haltung. Erst im Frühjahr soll es unterschiedliche Gesetzentwürfe geben, über die dann bis zum Herbst 2015 abgestimmt wird.

Mehrere Parlamentarier sind sich aber gar nicht sicher, ob der Gesetzgeber überhaupt tätig werden soll oder ob man die Frage nach Leben und Tod nicht besser den Betroffenen und Ärzten überlasse. Interessanterweise gehörten dazu auch die beiden Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder (Union) und Thomas Oppermann (SPD), die sonst die Gesetzgebungsmaschine der großen Koalition antreiben, hier aber nur als einfache Abgeordnete sprachen. Wie andere lobten sie, mit welchem Fingerspitzengefühl die Debatte geführt werde. Der CSU-Abgeordnete Michael Frieser bekundete gar: "Ich bin heute stolz, Mitglied des Bundestags zu sein."