Lisa Paus von den Grünen schilderte mit Tränen in den Augen, wie sie vier Jahre lang einen Freund beim Sterben begleitet habe, der an Lungenkrebs litt. Er habe lange darum kämpfen müssen, Medikamente zu bekommen, um sich selbst töten zu können. Am Ende habe er sie nicht eingesetzt, aber allein die Option habe ihn möglicherweise sogar vor dem Suizid bewahrt. Paus' Fazit: "Das Strafrecht hat da nichts zu suchen."

Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen und bis vergangenes Jahr Vorsitzende der EKD-Synode, sprach gleichfalls von eigener Betroffenheit: "Ich war noch keine 18, da sollte ich entscheiden, ob Geräte und damit das Leben abgeschaltet werden." Dann fasste sie zusammen: "Wir reden hier als Gesetzgeber auch über uns selbst." Denn, so Göring-Eckardt leise: "Niemand weiß vorher, was er aushalten kann."

Das einte die Abgeordneten in der Debatte. Allen schien bewusst, dass sie diesmal nicht nur Gesetze für andere machen, sondern dass es auch um ihr eigenes Lebensende geht. Gerade deshalb hatten sie keine eindeutigen Antworten auf die große Frage, wie die Gesellschaft es jedem ermöglichen kann, ohne Angst vor Schmerz und dem Verlust seiner Würde zu sterben.

Einig über Ausbau der Palliativmedizin

Einig waren sich alle, dass die Versorgung Sterbender in Deutschland mithilfe der Palliativmedizin und von Hospizen dringend ausgebaut werden muss. Gesundheitsminister Hermann Gröhe, der dazu erst am Dienstag ein 200-Millionen-Euro-Paket vorgelegt hat, bekam breite Unterstützung. Vor allem Rednern der Opposition reicht das aber noch nicht. Sie forderten, dass auch die Situation Pflegebedürftiger verbessert werden müsse, um unter ihnen den Wunsch nach einem vorzeitigen Tod zu mindern.

Einigkeit bestand auch darin, dass Sterbehilfevereine kein "Geschäft mit dem Tod"machen dürften, und dass Töten auf Verlangen, wie es in den Niederlanden oder Belgien erlaubt ist, verboten bleiben soll. In anderen wichtigen Punkten bestehen jedoch deutliche Unterschieden, vor allem was den gesetzlichen Spielraum für Ärzte betrifft, aktive Sterbehilfe zu leisten. Viele Abgeordnete haben dazu offenkundig noch keine feste Haltung. Erst im Frühjahr soll es unterschiedliche Gesetzentwürfe geben, über die dann bis zum Herbst 2015 abgestimmt wird.

Mehrere Parlamentarier sind sich aber gar nicht sicher, ob der Gesetzgeber überhaupt tätig werden soll oder ob man die Frage nach Leben und Tod nicht besser den Betroffenen und Ärzten überlasse. Interessanterweise gehörten dazu auch die beiden Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder (Union) und Thomas Oppermann (SPD), die sonst die Gesetzgebungsmaschine der großen Koalition antreiben, hier aber nur als einfache Abgeordnete sprachen. Wie andere lobten sie, mit welchem Fingerspitzengefühl die Debatte geführt werde. Der CSU-Abgeordnete Michael Frieser bekundete gar: "Ich bin heute stolz, Mitglied des Bundestags zu sein."