Nein, Horst Seehofer ist kein Mann falscher Bescheidenheit. "Die CSU ist gut drauf, bestens in Schuss und bärenstark", versichert er den Delegierten des Nürnberger Parteitags gleich zu Beginn seiner Rede.

Und ganz Unrecht hat er damit ja nicht. Im Mai dieses Jahres sah es für die CSU weit weniger gut aus. Bei der Europawahl erlebte sie die schwerste Schlappe, die sie bei einer landesweiten Wahl je eingefahren hatte. Nur noch auf knapp über 40 Prozent kam die Partei da. Mittlerweile sind – zumindest in den Umfragen – bayerische Zustände wieder hergestellt. Bei 49 Prozent liegt die CSU im Moment.

Und natürlich hat die CSU viele politische Erfolge, auf die sie verweisen kann. Im sechsten Jahr in Folge kommt Bayern ohne neue Schulden aus, gleichzeitig werden Altschulden getilgt, und die Investitionsquote liegt über der des Bundes, wie Seehofer stolz betont. Aber was soll man sich lange mit Zahlen aufhalten, wenn doch – wieder eine Umfrage – in Bayern einfach die glücklichsten Menschen überhaupt leben?  

Von Betreuungsgeld bis Maut

Doch auch wenn es Bayern spitze geht, von der CSU lässt sich das eben nur bedingt sagen. Viel ist in den vergangenen Monaten zum Beispiel über ihren schwindenden Einfluss geschrieben worden, zum Beispiel weil sie nach der Regierungsbildung in Berlin kein Verfassungsressort mehr abbekam. Darüber hinaus fallen ihre Minister in Berlin bisher kaum auf.

Seehofer hält dagegen und zählt alle Projekte auf, die man in der Vergangenheit durchgedrückt habe. Die Liste ist in der Tat lang und reicht vom Betreuungsgeld über schärfere Regeln für Zuwanderer über den Abbau der kalten Progression bis zum Wahlkampfschlager des vergangenen Jahres, der Pkw-Maut für Ausländer. "Wir halten Wort", ruft Seehofer den Delegierten zu, das sei ein Teil der Handschrift der CSU, von der er immer wieder deutlich macht, dass sie vor allem auch seine eigene Handschrift sei.

Gerade bei der Pkw-Maut muss sich allerdings erst noch erweisen, ob diese Idee wirklich ein Prestigeprojekt wird oder doch noch zum Bumerang mutiert. Dann nämlich, wenn sie am Ende nicht die erwarteten Einnahmen einspielen sollte oder künftige Regierungen sie irgendwann doch auf alle Autofahrer ausweiten, wird dies auch der CSU zugerechnet werden.  

Arbeitskreis Integration

Blamiert hat sich die Partei in den vergangen Tagen aber vor allem mit ihren Vorschlägen zur Integrationspolitik. Eine Formulierung im Leitantrag, die später geändert wurde, wurde als Forderung nach einer Deutschpflicht für Ausländer verstanden. Ganz Deutschland spottete über die CSU.

Seehofer hatte schon tags zuvor das Ganze zum Missverständnis erklärt. Nun begrüßt er ausdrücklich, dass die Partei im Zuge ihrer Reformbestrebungen einen Arbeitskreis Integration einrichten will. Vielleicht hilft der ja künftig, krude Vorschläge rechtzeitig auszusortieren.  

Darüber hinaus muss Seehofer aber auch seinen ganz persönlichen Politikstil verteidigen. Die "Koalition mit dem Bürger" hatte er nach seinem Wahlsieg ausgerufen. Nicht alle in der Partei sind darüber begeistert. Vor allem Seehofers vielfältige politische Wendemanöver in Sachen Energiewende haben in der Partei auch viel Verunsicherung verursacht.  

Wer kommt nach Seehofer?

"Jede Entscheidung wird darauf abgeklopft, ob sie mit unseren Werten im Einklang steht", versichert Seehofer seinen Kritikern deswegen. Stromtrassen seien aber kein Markenkern einer bürgerlichen Partei. An seinem Politikstil will er jedenfalls nichts ändern. Die Koalition mit den Bürgern sei vielmehr der zweite Teil seiner Handschrift, betont er.

Der dritte Aspekt seiner Handschrift richtet sich vor allem an eine Frau, die gar nicht da ist. Zwar wird Seehofer nicht müde, CDU-Chefin Angela Merkel als herausragende Kanzlerin zu preisen. Mit ihr als Spitzenkandidatin werde für die Union bei der Wahl 2017 wohl sogar noch mehr drin sein als beim letzten Mal, die absolute Mehrheit also. 

Doch ein einfacherer Koalitionspartner will Seehofer auch in Zukunft nicht werden. "Bayern zuerst" werde auch künftig die Devise bleiben. Auch die Projekte, bei denen sich das erweisen soll, benennt Seehofer klar: Bei der Energiewende und beim Länderfinanzausgleich drohen im Bund wohl harte Verhandlungen mit der CSU.

Lob für Söder

Eine andere Frage, die die Partei umtreibt, kommt in seiner Rede dagegen gar nicht vor. Schließlich hat Seehofer angekündigt, bei der kommenden Landtagswahl 2018 nicht mehr antreten zu wollen. Über die seither schwelende Nachfolgerdebatte verliert Seehofer jedoch kein Wort. Auffällig ist allerdings, dass er diesmal für Finanzminister Markus Söder ausgesprochen lobende Worte findet. "Dein Haushalt ist super-super", sagt er. Söder gilt als einer der aussichtsreichsten Nachfolgeaspiranten. Seehofers Verhältnis zu ihm ist allerdings spannungsreich.  

Die Kronprinzessin Nummer zwei, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, wird dagegen weniger deutlich gelobt. Sie hat die schwierige Aufgabe, den von Seehofer eingeleiteten Energiedialog zu moderieren, mit dem er den bayerischen Kurs in der Energiewende festlegen will. Aigner wird in Seehofers Augen wohl nur dann reüssieren, wenn sie dabei vollumfänglich das Prinzip "Bayern zuerst" verwirklicht.  

Spannend dürfte in dieser Frage der Parteitag im kommenden Jahr werden. Dann werden nämlich sowohl Seehofer als auch der gesamte Vorstand, darunter Aigner und Söder, neu gewählt. Ihr Abschneiden dürfte für die  Frage, wer in der CSU künftig den Hut auf hat, vorentscheidend sein.