Zurückhaltung war die Sache von Andreas Schockenhoff selten, vor allem, wenn es um Russland und dessen Politik unter Wladimir Putin ging. Nicht erst seit der Annexion der Krim und der Moskauer Unterstützung für die russischsprachigen Separatisten in der Ostukraine erhob der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion immer wieder deutlich seine Stimme.

Während andere Politiker der großen Koalition und auch in der CDU vor einer Verschärfung des Konflikts mit Moskau warnten, machte er klar, wo für ihn die Grenze lag: Der Westen dürfe sich von Putin nicht erpressen lassen. Deshalb dürfe er weder die Sanktionen zurücknehmen, solange der Kreml-Herrscher die russischen Soldaten und Waffen nicht aus dem Nachbarland abziehe, noch den Völkerrechtsbruch durch Russland in irgendeiner Form anerkennen.

Mit seiner scharfen Kritik an Putins Politik gegenüber seinen Gegnern im Inneren und den früheren Staaten der Sowjetunion und des Warschauer Paktes im Äußeren hatte sich Schockenhoff in Moskau schon extrem unbeliebt gemacht, als er von 2006 bis Anfang 2014 Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-russische Zusammenarbeit war. Zeitweise wurde er von der russischen Führung gar nicht mehr empfangen, was einem diplomatischen Affront gleichkam. Nicht nur die SPD drängte deshalb nach der Bildung der erneuten großen Koalition darauf, ihn von diesem Posten abzulösen. Auch manchen in der Union war er zu jenem Zeitpunkt mit seiner lautstarken Kritik an Putin zu unbequem.

Die Entwicklung seitdem gab Schockenhoff allerdings weitgehend recht. Während sein Nachfolger im Amt des Russland-Beauftragten, der SPD-Außenpolitiker Gernot Erler, anfangs bremste und davor warnte, die Wirkung von Sanktionen auf Putin zu überschätzen, verlangte Schockenhoff daher mehrfach eine Verschärfung der Strafmaßnahmen. Gemeinsam mit Vertretern der Grünen und ohne Mitwirkung der SPD, setzte er sich zudem dafür ein, in zwischenstaatlichen Einrichtungen wie dem Deutsch-Russischen Forum den Einfluss von Moskau eher wohlgesonnenen Vertretern zurückzudrängen. Das machte ihn auch bei denen nicht gerade beliebt.

Lehrer mit Faible für Frankreich

Dabei hatte der CDU-Politiker aus Baden-Württemberg ursprünglich gar nicht als Russland-Kritiker begonnen. Im privaten Umgang war er ein meist freundlicher Mensch und in seinem Wahlkreis äußerst beliebt. 1990 war der in Ludwigsburg geborene frühere Lehrer an einem katholischen Gymnasium zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden. Sechsmal verteidigte er seitdem sein Direktmandat, zuletzt 2013 mit 51,6 Prozent. Lange Zeit beschäftigte er sich als Abgeordneter und Romanist vor allem mit dem Verhältnis zu Frankreich. So leitete er seit 1994 eine deutsch-französische Parlamentariergruppe.

Da es der CDU schon lange an ausgewiesenen Außenpolitikern mangelt, wurde er bald zu einem ihrer wenigen profilierten Vertreter auf diesem Feld, ab 2005 auch als Mitglied der Spitze der Unionsfraktion. Da die Union seit ewigen Zeiten nicht mehr das Auswärtige Amt besetzt, war ihm ein weiterer Aufstieg allerdings verwehrt.

In der CDU schwer zu ersetzen

Hinzu kamen private Probleme. 2011 räumte Schockenhoff öffentlich ein, dass er alkoholkrank war, und unternahm eine stationäre Therapie. Dennoch wurde er in seinem Wahlkreis von der CDU mit klarer Mehrheit wieder aufgestellt.

Auch auf anderen Feldern als der Russland-Politik vertrat der CDU-Politiker eine offensive deutsche Position. So befürwortete er 2013 einen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Mali, und er setzte sich mit Nachdruck für Waffenlieferung an die Kurden im Kampf gegen die Milizen des "Islamischen Staates" ein.

In der Unionsfraktion, in der ansonsten Ex-Umweltminister Norbert Röttgen und der ehemalige Junge-Union-Vorsitzende Philipp Mißfelder das Feld der Außenpolitik eher schwach besetzen, wird Schockenhoff nicht so leicht zu ersetzen sein. In der Nacht zum Sonntag ist Andreas Schockenhoff im Alter von 57 Jahren gestorben.