Sie schreiben offene Briefe und gehen auf die Straße gegen ihn, sie wollen ihn um jeden Preis verhindern – einen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Ex-Bürgerrechtler mehrerer Parteien und ostdeutsche Sozialdemokraten beklagten Verrat an den Opfern der DDR-Regimes, sollte ein Mitglieder der SED-Nachfolgepartei Die Linke mithilfe von SPD und Grünen die Regierungsspitze in Thüringen erklimmen. Ex-Ministerpräsident Bernhard Vogel sprach von einem "schlimmen Signal", Bundespräsident Joachim Gauck zweifelte an der Distanz der Linken zur SED. Und Wolf Biermann schimpfte sie zum Mauerfall-Jubiläum im Bundestag aus. Was für ein übertriebenes Theater.  

Sollte der Linke Bodo Ramelow aus Niedersachsen im Erfurter Landtag zum Ministerpräsidenten erkoren werden, geht Thüringen nicht unter und das politische Deutschland schon gar nicht. Es droht weder die Diktatur des Proletariats noch wird ab morgen das Privateigentum an Produktionsmitteln beseitigt. Und die Stasi wird Ramelow auch nicht neu gründen. Es ist Zeit, die Dämonisierung der Linkspartei zu beenden. 

In Thüringen spricht dafür nicht nur der stark sozialdemokratische Koalitionsvertrag, der sich auch ausführlich mit der DDR-Vergangenheit befasst. Außerdem kontrollieren SPD und Grüne die Linken: Bevor Ramelows Leute den Verfassungsschutz radikal beseitigen oder das bedingungslose Grundeinkommen einführen, dürften die Bündnispartner das verhindern. In Brandenburg funktioniert diese Kontrolle seit Jahren reibungslos, die Linke ist dort Dauerpartner der SPD; auch Mecklenburg-Vorpommern und Berlin haben mehrere Wahlperioden lang Linkspartei-Minister überlebt.

Auch hat sich die Linke  – wie übrigens die anderen Parteien auch – seit dem Mauerfall gewandelt. Sie hat den Generationswechsel vollzogen, Personal auf allen Ebenen verjüngt, an der Basis und in der Vermögensverwaltung schwindet der Einfluss der SED-Kader. Ihre Altlasten versteckt die Partei nicht, sondern zeigt die Stasi-Spitzel in der Fraktion vor und legt fest: Keine Regierungsämter für SED-Funktionäre.   

Man kann das für einen faulen Kompromiss halten. Doch es ist realistisch und fair – vor allem den Wählern gegenüber. Die Partei führt in mehreren Landesparlamenten und im Bundestag die Opposition an, teils als zweitstärkste Kraft. Die Wähler haben ihr diese wichtige Rolle gegeben, sie wollen durch die Linkspartei vertreten werden. Unter diesen Wählern mögen auch SED-Altkader sein, die in den Neubaublocks am Rand ostdeutscher Städte alten Zeiten nachtrauern. In Thüringen entsandten sie einen der beiden Stasi-Spitzel sogar per Direktmandat ins Parlament. Doch wer solchen Abgeordneten die Legitimation abspricht, tappt in die Biermann-Falle: Der einstige Dissident hatte im Bundestag die Abgeordneten der Linksfraktion gebrandmarkt – obwohl sie durch jene freien Wahlen ins Parlament kamen, für die Biermann einst gekämpft hatte.   

Programmatische Politik braucht die Linke

Der zeitgemäße Umgang mit der historischen Last dient auch dem sozialen Frieden und dem politischen Klima. Wer Menschen nur durch die Brille ihrer Vergangenheit betrachtet, pauschal entwertet und herabwürdigt, indem er ihr Herkunftsland als Unrechtsstaat abqualifiziert, treibt sie in den Demokratieverdruss und die Hände von Extremisten. 

Nur wer die Linke samt ihrer Herkunft und Erblast akzeptiert, kann sie einbinden. Die Ächtung dagegen beraubt die Parteiendemokratie der Möglichkeit, nach linken oder konservativen Maximen Politik zu machen. Die Ausgrenzung der Linken führte etwa in Sachsen oder Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren stets zu lagerübergreifenden Koalitionen, die, zum Kompromiss verdammt, ihre Länder verwalten, statt sie zu regieren. Echte programmatische Politik ist nicht mehr möglich, wenn auf der rechten Seite die CDU nicht mit der AfD kann und links die SPD nicht mit der Linkspartei. Dann treffen sich die beiden Parteien aus Mangel an Alternativen im politischen Niemandsland und im allerkleinsten gemeinsamen Nenner.  

Das alles vergessen die Kritiker – die Ost-Sozialdemokraten, die Ex-Bürgerrechtler aus CDU und Grünen. Sie beanspruchen, Schaden von Thüringen abwenden zu wollen, und konstruieren unterschwellig, es drohe die Rückkehr zur Diktatur. Dabei gibt es einen einfachen Weg, mit der Linken umzugehen: kritische Beobachtung. Wenn die Partei Dinge relativiert, die nicht relativiert werden dürfen, ist es Aufgabe der anderen Parteien und der Medien, darauf hinzuweisen – etwa wenn der designierte Ministerpräsident Ramelow sich kritisch zu Rentenkürzungen für ehemalige DDR-Regimediener äußert oder Strafprozesse gegen Träger von FDJ-Hemden stoppen will.     

Die Ex-Bürgerrechtler betrachten die Welt aus ihrem Blickwinkel – jenem aus den Tagen des Untergangs der DDR. Sie wollen – zu Recht – die Maximen der Friedlichen Revolution von 1989 lebendig halten. Doch sie manövrieren sich dabei dorthin, wo diese Revolution in diesem Jahr ankommt: ins Geschichtsbuch. Es ist Zeit, sich zu versöhnen, statt die postkommunistische Keule zu schwingen, oder das Schicksal der SED-Opfer als bequeme politische Allzweckwaffe zu instrumentalisieren. Es ist Zeit, stolz auf die errungene Parteiendemokratie zu sein und auf ihre Stärke. Sie ist solide genug, einen Linken an der Regierungsspitze auszuhalten.