Überpünktlich betritt er die Bundespressekonferenz. Sein Auftritt wird hellwach und angriffslustig sein, trotz der leicht müden Augen. Sebastian Edathy hat es satt, dass alle Demut von ihm verlangen. Hat er nicht schon genug gelitten?

So denkt der 45-Jährige, so spricht es aus seinen Worten vor den vielen Journalisten und Kameras. Hier, in dem Saal im Berliner Regierungsviertel, stellen normalerweise Minister ihre Gesetzentwürfe vor oder die Präsidenten der Sicherheitsbehörden ihre Jahresbilanz. Doch nun hat Sebastian Edathy das Wort, ein in Ungnade gefallener, ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter. "Ich führe ein Leben im Ausnahmezustand", sagt er. Und: "Ich habe nichts mehr zu verlieren."

Pornografische Bilder von Kindern und Jugendlichen soll er sich aus dem Internet heruntergeladen haben – zuweilen sogar über seinen Bundestag-Dienstlaptop. Zehn Monate lang war er abgetaucht, nun stellt er sich der Öffentlichkeit gleich zweimal. Später am Tag sagt er vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Bundestages aus. Der will aufklären, wer ihn warnte vor den möglichen Ermittlungen wegen des Besitzes von Kinderpornografie. Es ist Edathys kleiner persönlicher Coup, dass er vorher eine Pressekonferenz geben kann. Das sehen die parlamentarischen Aufklärer nicht gerne, sogar der Bundestagspräsident hat sich beschwert.

"Wissen Sie, wovon Sie sprechen?

Die Journalisten fragen ihn nach den Fotos von nackten Jungen und Kindern, die er sich herunterlud, bei einem kanadischen Anbieter und anderswo. Sie wollen wissen, ob er so etwas wie moralisches Unrechtsbewusstsein empfindet. Ja, "es war sicherlich falsch, diese Filme zu bestellen", sagt Edathy eher unwillig – und schaut auf die Tischkante: "Aber es war legal!" Da hebt sich sein Blick.

Er fixiert den Fragestellenden: "Haben Sie je die Filme gesehen? Wissen Sie, wovon Sie sprechen?" Auch das BKA halte sie für nicht so schlimm, sagt Edathy, und sitzt nun ganz aufrecht. Das Strafverfahren gegen ihn, das im Februar in Verden eröffnet werden soll, stehe vor Einstellung wegen geringer Schuld – gegen eine "überschaubare Geldauflage". 6.000 Euro, fast nichts. Behauptet Edathy. 

Später am Tag, im Untersuchungsausschuss, als schon etwas anstrengende Zeit vergangen und Edathy nicht mehr ganz so hellwach ist, klingt es etwas anders: Vor allem sein Anwalt bemüht sich derzeit um die Einstellung des Verfahrens. Entschieden ist noch nichts.

So ist das mit Edathy. Er kann gut reden, sehr gut, doch oft führen seine Ausführungen nirgendwohin. Er präsentiert seine eigene Version der Wahrheit, aber er antwortet nicht immer auf die Fragen, die ihm gestellt werden. Zum Beispiel, was genau denn auf diesen Bildern und Filmen zu sehen ist, wenn diese doch so harmlos seien.

Laptop zurückgelassen, Pech gehabt

Dazu schweigt er. Ein wenig Privatheit müsse im Rechtsstaat noch gewährleistet sein, sagt Edathy an anderer Stelle. Man müsse sich auch unmoralisch verhalten dürfen. Solange es legal sei. 

Bisweilen gleiten seine Äußerungen ins Surreale ab. Was er persönlich auf Facebook so schreibe, solle man nicht alles glauben, blafft er einen Fragesteller an. Dass er seinen Laptop – ein wichtiges Beweismittel – angeblich kurz vor der Hausdurchsuchung verlor, sei die Schuld der strengen Nichtrauchergesetze: Er sei bei einem Halt aus dem Zug ausgestiegen, um zu rauchen. Laptop zurückgelassen, Pech gehabt. 

Doch er scheint leise Zweifel gehabt zu haben. Mitte November 2013 habe er in den Medien von Ermittlungen gegen eine kanadische Firma in Sachen Kinderpornografie gelesen, sagt Edathy. Er habe eine "kurze Internetsuche" betrieben, um herauszubekommen, welche das war. Er habe sich erinnert, dass er "vor einigen Jahren" mal in Kanada "Material" bestellt habe. Das hat ihn aufgeschreckt – dabei wähnte er sich doch auf der Seite des Gesetzes.

Ist dieser Mann glaubwürdig? Es ist die Frage des Tages und sie ist nicht einfach zu beantworten. Edathy belastet in seiner Aussage den ehemaligen Präsidenten des Bundeskriminalamts schwer. Jörg Ziercke sei – über einen Mittelsmann, den SPD-Innenpolitiker Michael Hartmann – sein indirekter Informant in der Affäre gewesen. Ziercke, der vor Kurzem in Pension ging und selbst SPD-Mitglied ist, habe seinen Vertrauten Hartmann am Rande einer sicherheitspolitischen Tagung im Herbst 2013 in die Ermittlungen gegen Edathy eingeweiht. Aus Sorge um den guten Ruf der SPD – schließlich hatte die mit Jörg Tauss schon mal einen Bundestagsabgeordneten in ihren Reihen, der mit Kinderpornografie auffiel.