Wenn Angela Merkel und Dutzende andere Regierungschefs sich in Paris unterhaken, wenn deutsche Minister mit Vertretern muslimischer Verbände vor dem Brandenburger Tor auftreten, dann sind das wertvolle politische Gesten. Gesten, in denen sie zusammenkommen mit den Millionen Menschen, die "Je suis Charlie" rufen und schreiben, die in Trauer und Solidarität in Frankreich und eigentlich überall auf der Welt demonstrieren. Nach der Trauer aber gehen die Bürger nach Hause und die Politiker machen Politik. Ihre Aufgabe ist es, aus dem Geschehenen Schlüsse zu ziehen oder auch nicht. Ist trauern politisch?

Als am heutigen Donnerstag Norbert Lammert die Sitzung des Bundestages eröffnet, sind die Anschläge von Paris acht Tage her. Einerseits merkwürdig verspätet wirkt dieser Termin angesichts der eigentlich schon vollzogenen öffentlichen Trauer. Andererseits ist er jetzt genau richtig, denn genau hier, in der Volksvertretung, soll ja die Frage nach den Konsequenzen beantwortet werden. Hier muss Trauer Politik werden.

Es lässt sich dann tatsächlich beispielhaft beobachten, in den drei aufeinanderfolgenden Reden von Norbert Lammert, Angela Merkel und Gregor Gysi, wie ein Ereignis politisch erst befühlt, dann eingeordnet, und schließlich eingespeist wird in die tagespolitische Debatte. Am Anfang steht die Schweigeminute. Am Ende die EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung.

Lammert, der zweite Bundespräsident

Zuständig für Pathos und große Sätze ist im Bundestag ja längst Norbert Lammert. Er spricht als erstes, 15 Minuten. Das steht zwar nicht auf der Tagesordnung, aber Lammert macht das oft so, er darf sich ja als einziger selbst das Wort erteilen. Der CDU-Politiker legt sein Amt gerne und oft als das eines zweiten Bundespräsidenten aus. Er hält im Bundestag die Reden, die die nüchterne Merkel nicht halten kann oder will.

Lammert also: "Wir lassen uns nicht einschüchtern, und schon gar nicht werden wir die Prinzipien aufgeben, die seit der französischen Revolution zur Grundlage unserer Zivilisation geworden sind: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit." Größer und wuchtiger geht es nicht, was soll dann jetzt noch kommen?

Wer Aufklärung ernst meint

Es kommt ein Lob des Zweifels als "Zwillingsbruder der Freiheit" und der Aufklärung. Lammert sagt: "Wer an Aufklärung interessiert ist, muss als Christ fragen, ob er Muslimen aufgeschlossen und vorurteilslos gegenübertritt und ihnen einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft zugesteht." Das zielt auf die "Demagogie" von Pegida, wie Lammert deren Positionen nennt. Der zweite Teil des Arguments aber, und das zielt in die andere Richtung, lautet: "Wem unter den Muslimen über rhetorische Floskeln hinaus tatsächlich an Aufklärung gelegen ist, muss sich mit der Frage auseinandersetzen, warum noch immer im Namen Allahs Menschen verfolgt, drangsaliert und getötet werden." Es sei nicht wahr, dass der Islam nichts mit Islamismus zu tun habe.

Danach Merkel. Sie knüpft an Lammerts Ton an, ihre Rede ist nicht ganz so pathetisch, nicht ganz so von Bedeutsamkeitspausen durchsetzt, aber für ihre Verhältnisse wuchtig. Sie beschwört "ein Meer von Freiheitsfreunden, die im Angesicht des Verbrechens das Gemeinsame in sich entdecken". Sie sagt: "Jede Ausgrenzung von Muslimen in Deutschland, jeder Generalverdacht verbietet sich."