Es sind Szenen, die in Erinnerung bleiben werden. Eine Erinnerung an das Brandenburger Tor. Das Symbol für die Überwindung der Teilung leuchtet an diesem Dienstagabend: Pink und rot und blau – es leuchtet für eine bunte Gesellschaft.

Davor, was für ein Bild, untergehakt die Spitze des Staates und der Religionen: Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck haben den Präsidenten des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, in ihre Mitte genommen. Der Vize-Chef des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, steht nicht weit entfernt neben Honoratioren der evangelischen und katholischen Kirche. Die Minister der Bundesregierung sind da, sogar der politisch in Ungnade gefallene ehemalige Bundespräsident Christian Wulff hat es auf das Podest geschafft.

Von dieser kleinen Bühne vor dem bunten Brandenburger Tor blicken sie alle auf die Menschen auf dem Pariser Platz – und die schauen zu ihnen zurück: Es sind Tausende, auch sie haben sich demonstrativ eingehakt.

Da lachen Merkel und Gauck und Gabriel, da lachen die Religionsvertreter. Zum ersten Mal in diesen trüben Tagen ist es ein gelöstes Bild. Eines von gewaltiger Symbolik noch dazu: Die muslimischen Verbände hatten Politiker und Bürger zu dieser gemeinsamen Mahnwache gegen den Terror von Paris eingeladen. "So wie wir heute zusammenstehen, so wünsche ich mir die gesamte Gesellschaft", sagt der Bundespräsident in seiner Ansprache: "Die Terroristen wollten uns spalten, erreicht haben sie das Gegenteil."

Eine Koran-Sure für den Frieden

Es soll hier auch ein Zeichen gegen die gesetzt werden, die sich durch den islamistischen Terror in ihrer falschen Weltsicht bestätigt fühlen: Nur 24 Stunden vorher demonstrierten am selben Ort Bärgida – die "Berliner gegen die Islamisierung des Abendlandes". Sie schwenkten Deutschland-Flaggen und schimpften auf die Medien und die Politik. Es war eine triste Veranstaltung: Ein paar hundert Islamkritiker im strömenden Regen, eingekreist von Polizeiwagen, die Zahl der Gegendemonstranten deutlich höher. 

Doch die Wirkung ist da, denn auch dieses Bild entstand vor dem Brandenburger Tor. Und 20.000 Menschen produzierten besorgniserregende Bilder vor der historischen Altstadtkulisse in Dresden.

Deshalb will die bunte Mahnwache am Dienstag nicht nur trauern, sondern auch werben, für Weltoffenheit und Toleranz und für das Image einer in Verruf geratenen Religion. "Wir werden es nicht zulassen, dass unser Glauben missbraucht wird", ruft der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Mayzek, der Menge zu. Dass der Islam eine friedliche Religion ist, zum Beispiel, das wird nach den grausamen Morden von Paris nicht nur von Pegida infrage gestellt.

Ganz zu Beginn der Mahnwache, um kurz nach sechs Uhr abends, zitiert ein Gelehrter daher ganz bewusst die 5. Sure des Koran – der religiöse Gesang dringt über den Platz, lässt die Anwesenden schlagartig verstummen: "Wer ein menschliches Wesen tötet, so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wenn er ein Leben erhält, so ist es, als ob er alle Leben erhalten hätte."

Bunt ist die Menge der Zuhörenden. Nur wenige tragen Plakate, die meisten sind so gekommen, wie sie sind. Ganz in Zivil, als Bürger eben, nicht als Aktivisten. Es ist eine ruhige, eine nachdenkliche Stimmung auf dem Pariser Platz, wie sie sonst an dem Touristen-Hotspot kaum zu beobachten ist. 

Jeder zieht andere Schlüsse

Nahe am Tor haben sich viele Politiker versammelt – ehemalige Ministerpräsidenten wie Kurt Beck, ehemalige FDP-Granden wie Hermann Otto Solms und Bundestagsabgeordnete aller Parteien, die nach ihrer Fraktionssitzung im nahen Bundestag herbei geeilt sind. Mitarbeiter des Regierungsviertels haben heute früher Schluss gemacht. Doch man sieht auch Väter mit ihren Kindern auf der Schulter, man hört Französisch und Arabisch. Manche Touristen fragen die Polizisten, was da vorne vor sich geht.

Im Gespräch mit Teilnehmern der Mahnwache ist schnell zu spüren, dass sie der Trauer um die Morde von Paris eint, dass sie vieles aber auch trennt. Die brutalen Attentate, aber auch die anschließenden Diskussionen, haben bei jedem Einzelnen ganz  unterschiedliche Fragen aufgeworfen.

"Ein bisschen Angst" habe sie manchmal, wenn sie so durch Berlin fährt, sagt Rina, eine Indonesierin, die in Deutschland studiert. Weil man ihr ihren Glauben ansieht. Gemeinsam mit ihren Freundinnen ist sie auf den Pariser Platz gekommen, eine quirlige, fröhliche Truppe, die durch ihre bunten Kopftücher sofort auffällt.

Wenige Meter weiter steht Dilek Güven, lockige Haare, kein Kopftuch. Selbstbewusst hält sie ihr improvisiertes Plakat in die Höhe: "Wann nennt ihr uns Deutsche?" steht darauf. Sie befürchte, dass die Attentate Vorurteile gegenüber Migranten weiter befördern werde: "Ich bin Atheistin, aber Enkelin türkischer Gastarbeiter. Bei Euch werde ich immer als Muslimin bezeichnet. Es grenzt uns aus", ruft sie.