Für den großen Kreis der Eingeweihten in Berlin war es kein Geheimnis gewesen, dass Richard von Weizsäckers Kräfte schwanden. Er hatte sich nach dem 90. Geburtstag allmählich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Die Phase, in der er sich noch gelegentlich auf Podien und vor Kameras über Grundfragen der internationalen Politik und der deutschen Geschichte und Gegenwart geäußert hat, darunter auch in großen Sälen in Form eines Zwiegesprächs mit Helmut Schmidt, war vorbei. 

Richard von Weizsäcker hatte in seiner öffentlichen Tätigkeit nicht nur daheim große Wirkung entfaltet. Sein internationales Engagement hat zum weltweiten Ansehen der Bundesrepublik beigetragen. Das galt vor allem in der Phase der deutschen Vereinigung, als es darum ging, in den östlichen Nachbarländern das Vertrauen in die Friedfertigkeit und die europäische Gesinnung des wiedervereinigten Deutschland zu gewinnen und zu befestigen. Besonders seine herzlich-freundschaftlichen Beziehungen zu Polens erstem demokratischen Regierungschef, Tadeusz Mazowiecki, und zum tschechischen Dichter-Präsidenten Václav Havel haben zu den guten Entwicklungen der Beziehungen zu diesen Nachbarländern im europäischen Umbruch 1989/90 beigetragen. 

In die Politik war der junge württembergische Jurist (geboren am 15. April 1920 in Stuttgart) erst relativ spät gewechselt. Weizsäckers frühe Jugend war, wie die der ganzen Generation der nach dem Ersten Weltkrieg geborenen Männer, geprägt vom den Unruhen der Weimarer Republik, von der Gewaltherrschaft der Nazis und von den Jahren in Hitlerjugend, Reichsarbeitsdienst, Wehrmacht und Krieg. Die Jahre danach standen im Zeichen des Versuchs, Normalität wiederherzustellen. 

Weizsäcker studierte Jura. Und er investierte viel Energie in einen besonderen Teil der Geschichtsbewältigung: Er arbeitete als juristischer Assistent 1947 bis 1949 an der Verteidigung seines Vater Ernst von Weizsäcker bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen mit. Der frühere Staatssekretär im NS-Außenministerium war der Mitwirkung bei der Judendeportation aus Frankreich beschuldigt und dafür schließlich zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Sohn Richard hat diesen Prozessausgang Zeit seines Lebens immer wieder mit bitteren Worten und geradezu demonstrativem Ärger als Fehlurteil kritisiert. 

Die Kirche prägte ihn maßgeblich

Zu Beginn der fünfziger Jahre, dreißig Jahre alt, begann Richard von Weizsäcker seine Berufslaufbahn als rechtswissenschaftlicher Mitarbeiter der Mannesmann AG. Privat engagierte er sich in der Evangelischen Kirche. Diese Tätigkeit sollte ihn für seine spätere politische Laufbahn entscheidend prägen. Zu einem Zeitpunkt, da Aussöhnung mit den Gegnern von gestern und Akzeptanz der Kriegsfolgen noch kein Thema für die Deutschen waren, sondern eher eines zur Mobilisierung der Ewiggestrigen, die dahinter sogleich Verrat witterten, diskutierte man gerade in kirchlichen Kreisen die Möglichkeit einer neuen Friedenspolitik. Beeinflusst haben ihn liberal denkende, junge konservative Männer wie Klaus von Bismarck, aber auch sein älterer Bruder, der Physiker und Philosoph Carl-Friedrich von Weizsäcker. 

Der CDU trat Weizsäcker 1954 bei. Das Schwergewicht seiner politischen Tätigkeit aber war zunächst die EKD. Er beteiligte sich entscheidend an der berühmten Ostdenkschrift der Kirche, die zur Versöhnung vor allem mit Polen aufrief und zum ersten Mal die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als neue deutsch-polnische Grenze empfahl. Ein großer Schritt. In seinem 2010 erschienenen Buch Ein deutsches Leben zitiert Gunter Hofmann den Altpräsidenten mit der Bemerkung, dadurch sei die Ostvertragspolitik "überhaupt erst in Gang gesetzt" worden.

Kohls Signal für eine neue Offenheit

Was wie eine kühne These klingt, hat viel für sich: Die SPD war, trotz der legendären Tutzinger Rede des Berliner Sozialdemokraten und Ex-Journalisten Egon Bahr über "Wandel durch Annäherung", noch längst nicht so weit wie die protestantischen Neudenker. Dasselbe galt auch für die katholischen Bischöfe: In hochpolitischen Fragen wie der Grenze zu Polen hielten sie sich vorsichtig bedeckt. Übrigens hat sich auch Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, erst 1990, mehrere Monate nach dem Fall der Berliner Mauer, dazu durchgerungen, die sogenannten Ostgebiete (jenseits von Oder und Neiße) aufzugeben.

Derselbe Kohl hatte 25 Jahre davor allerdings keine Scheu gehabt, den jungen Weizsäcker zu überreden, sich über die rheinland-pfälzische Landesliste 1969 um ein Bundestagsmandat zu bewerben. Kohl hatte sich drei Jahre zuvor zum Landesparteichef in Mainz hochgeboxt und plante seinen Umzug nach Bonn für später. Erst musste er in Mainz Ministerpräsident werden, was er 1969 auch plangenau erledigte. In Machtfragen dachte Kohl schon damals weit voraus. Das politische Potenzial, das in der Initiative der EKD und seines Parteifreundes Weizsäcker steckte, erkannte er sehr früh. So einen wollte er dann, wenn er selbst nach Bonn in eine Führungsrolle wechseln würde, gerne schon vor Ort haben, als Signal für die neue Offenheit gegenüber dem urban-liberalen Bürgermilieu, das sich von der bräsigen Post-Adenauer-CDU abzuwenden begann. Wie stark diese CDU sich gegen diese Art der Veränderungen sträubte, hatte Kohl allerdings unterschätzt. Richard von Weizsäcker wohl auch.

Der Weg an die Macht dauerte für die CDU noch bis 1982. Kohls kleine Bonner Avantgarde musste zunächst die erzkonservative Blockadestrategie gegen die EKD-inspirierte Ostpolitik der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel entschärfen. Für Weizsäcker war dies vermutlich die härteste Strecke seiner Laufbahn. Ein Belastungstest besonderer Art. Schließlich hatte er seine politische Position in diesen Fragen ja nicht als Parteimann entwickelt, sondern im Rahmen seiner kirchlichen Funktionen: im Umfeld der Kirchentage, die sich in den späten sechziger Jahren stark politisiert hatten.

In einem späteren Gespräch beschrieb Weizsäcker rückblickend seine dortige Rolle so: "Ich war nicht nur stellvertretender Vorsitzender dieser Kammer, sondern eben innerlich und äußerlich auch sehr aktiv daran beteiligt." Da gibt man in einer solchen Frage nicht einfach klein bei, der Parteiräson zuliebe. Auch wenn es dabei hart zugeht wie im März 1972, als Weizsäcker gemeinsam mit drei anderen Parteifreunden gegen den Rest der Unionsfraktion die Bereitschaft zur Zustimmung bekundet, den Ostverträgen der Regierung Brandt zuzustimmen. Da schlugen die Wellen der Empörung in der CDU/CSU hoch. Zwanzig Jahre später erinnerte Richard von Weizsäcker sich daran in der ihm eigenen zurückgenommenen Weise: "Es bewegte sich schon an der Grenze des menschlich Erträglichen, welche Reaktionen das auslöste." 

Es waren nicht die letzten Konflikte, die der schwäbische Freiherr auszufechten hatte. An die Grenze des Erträglichen ist er, wie man als Beobachter begründet vermuten darf, noch mehrmals geraten. Das gilt nicht zuletzt für sein schwieriges Verhältnis zum Parteivorsitzenden und späteren Bundeskanzler Helmut Kohl, dem Mann, der ihn seinerzeit in die Politik geholt hatte. 

Eine durch zahlreiche Umbrüche definierte Amtszeit

Die Beziehung dieser beiden Männer, den letzten politischen Schwergewichten der ersten Nach-Adenauer-Generation, war im Grunde ein fortwährender Clash of cultures der sehr persönlichen Art. Kurz zusammengefasst darf man sagen: Sie schätzten einander nicht sehr. Weizsäckers politischer Weg hat sich auch darum, nach den aufreibenden parteiinternen Scharmützeln und den verlorenen Kampagnen gegen die Sozialliberalen, von Kohl und vom Bonner Politikbetrieb zunächst gelöst. Er wurde dort 1981, nach einem Wahlsieg im zweiten Anlauf, Regierender Bürgermeister und erinnerte sich gern an diese Zeit, so kurz sie auch war. Denn 1984 wurde er, gegen den Willen seines einstigen Förderers Kohl, beim zweiten Anlauf zum Bundespräsidenten gewählt, und fünf Jahre später ein zweites Mal, wobei er der einzige Kandidat war. Das ist bis heute einmalig geblieben.

Zehn ereignisreiche Jahre, die ihn zum Präsidenten der Einheit und zu einem großen europäischen Staatsmann machten: Seine Amtszeit war international definiert durch die große Veränderung in Europa, vom Fall der Mauer bis zum Ende des kommunistischen Machtblocks. National war sie geprägt von den Einflüssen der Globalisierung, der gesellschaftlichen Veränderung durch Zuwanderung und den politischen Stimmungsveränderungen; Themen, die er immer wieder in Reden, in Interviews und in vielen nachdenklichen Gesprächen auf die Tagesordnung gesetzt hat. Diskurs und Symbole waren seine Instrumente. Richard von Weizsäcker hatte von Anfang die Grenzen seiner Einflussmöglichkeiten gekannt. Weil er sie respektiert hat, aber die Reichweite seiner Möglichkeiten auch nutzte, ist er ein wirkungsvoller Präsident geworden: ein Staatsmann, der – auf seine Weise – nicht nur repräsentiert hat, sondern auch gestaltet. Auch viele seiner Kritiker, zumindest außerhalb des rigide rechtskonservativen Milieus, respektierten seine Leistung.

"Wo bleibt der Wille des Volks?"

Weithin sichtbare Meilensteine seiner Amtszeit waren die unvergessliche und immer wieder – wie ein Standardwerk – zitierte Rede zum 8. Mai 1985, dem 40. Jahrestag des Weltkrieg-Zwei-Endes in Europa: eine Rede, die zum deutschen geschichtspolitischen Bildungskanon gehört. Darin die Kernpassage: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung." Und zwar Befreiung von wem? Von den Nazis und deren Mitläufern, die 1933 die Macht ergriffen hatten. Also: "Wir dürfen den 8. Mai nicht vom 30. Januar 1933 trennen."

Weizsäckers schon zitiertes Wirken im Hintergrund zur Zeit des Umbruchs in Europa, die Hinwendung zu den osteuropäischen Nachbarn, der Versuch, im damals noch existierenden Jugoslawien mildernd und deeskalierend zu wirken, seine Bemühungen um eine Erneuerung und vernünftige Positionierung der Bundeswehr, schließlich seine Auseinandersetzung mit den realpolitischen Verhältnissen in der Bonner – oder insgesamt der westlichen – Demokratie, mit dem Machtanspruch der Parteien und der Schwäche der Eliten: hochaktuelle Einsichten, angesichts der jüngsten inneren Entwicklungen in Europa. Seine kritische Interviewäußerung über Fehlentwicklungen der Demokratie, die damals große Aufregung erzeugte, ist so aktuell wie eh und je: "Wo bleibt der Wille des Volks?"

Ein Mensch ist gestorben, der uns allen, nicht nur denen, die unmittelbar um ihn waren, nun fehlen wird. Der dem Land eigentlich schon fehlte, seit er nicht mehr öffentlich intervenierte. Und den Europa, das über Persönlichkeiten wie ihn kaum mehr verfügt, vermissen wird.