ZEIT ONLINE: Herr Schnapp, im Oktober lag die CDU in Hamburg in den Umfragen immerhin noch bei 27 Prozent, jetzt sind es nur noch 19. Bei der Wahl am Sonntag könnte sie somit ihr Ergebnis von 2011, das bereits das schlechteste in der Landesgeschichte war, noch einmal unterbieten. Woran liegt das?

Kai-Uwe Schnapp: Dieser Trend lässt sich nur aus der Gesamtkonstellation erklären. Das Hauptproblem der CDU in Hamburg ist, dass die dortige SPD eher dem rechten Flügel der Partei zuzurechnen ist. Der Spitzenkandidat der CDU, Dietrich Wersich, steht als ehemaliger Sozialsenator in manchen Punkten sogar etwas links von SPD-Bürgermeister Olaf Scholz. Beide Parteien fischen komplett im gleichen Gewässer.

Das zeigt sich im Wahlkampf bei vielen Themen. Egal ob Elbvertiefung, Olympiabewerbung oder Schulpolitik – die inhaltliche Übereinstimmung ist sehr groß. Das einzige Thema, das kontroverser diskutiert wird, ist die Verkehrspolitik. Und da hat Wersich der SPD jetzt sogar angeboten, nach der Wahl einen "Verkehrsfrieden" zu suchen, also eine langfristige Lösung, die alle mittragen können, ähnlich wie es in der Schulpolitik mit dem Hamburger Schulfrieden gelungen ist.

"Beust hatte mehr Glamour"

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Jahren hat die CDU sehr viele Großstädte verloren. Häufig heißt es, das liege auch am Personal. Ist Wersich ein großstadttauglicher Spitzenkandidat?

Schnapp: Wenn jemand den Ton der Großstädter trifft, dann ist es Wersich. Er ist klug, redegewandt, kulturell gebildet – kurz: ein moderner Typ. Er hat auch viel Lebenserfahrung. Ursprünglich war er Arzt, dann war er Geschäftsführer von zwei Hamburger Theatern. Er lebt mit seinem Partner zusammen und bekennt sich dazu auch öffentlich, er verkörpert also nicht gerade ein konservatives Familienbild.

Insofern ähnelt er durchaus dem früheren CDU-Bürgermeister Ole von Beust. Der  versprühte allerdings vielleicht noch etwas mehr Glamour und Weltgewandtheit. 

ZEIT ONLINE: Aber hat Wersich auch genug Biss? Sie sagen ja, er ist sehr kompromissbereit.

Schnapp: Wenn man es unter Wahlkampfgesichtspunkten sieht, ist er vielleicht nicht aggressiv genug. Er versucht eben nicht zu polarisieren, um vielleicht noch ein halbes Prozent für seine Partei herauszuholen. Eigentlich ist ihm das hoch anzurechnen, aber für einen Wahlkämpfer bringt das eben keine Punkte.

Aber grundsätzlich denke ich: Das Problem der CDU ist nicht, dass sie den falschen Kandidaten aufgestellt hat oder nicht die richtigen Antworten für eine Großstadt hat. Das Problem der CDU heißt Olaf Scholz.

Der steht in der Bürgergunst sehr gut da. In einigen Umfragen hat er höhere Beliebtheitswerte als Kanzlerin Angela Merkel oder CSU-Chef Horst Seehofer. Möglicherweise liegt das daran, dass er mit seiner trockenen, direkten Art sehr gut zur Selbstwahrnehmung der Stadt passt. 

"Die CDU kämpft auf verlorenem Posten"

ZEIT ONLINE: Trotzdem ist erstaunlich, dass in Hamburg derzeit gewissermaßen umgekehrte politische Verhältnisse herrschen wie im Bund.

Schnapp: Hamburg war immer eine SPD-Stadt. Das hat sich bis auf wenige Jahre nie wirklich geändert, außer wenn die SPD richtig Fehler gemacht hat. Ende der 1990er Jahre zum Beispiel gab es große Probleme mit der inneren Sicherheit, das hat dann den Sieg der CDU und vor allem das Aufkommen der Schill-Partei begünstigt.

Auch jetzt versucht die CDU das Thema innere Sicherheit zu spielen, doch das funktioniert nicht, weil Scholz das selbst gut besetzt. Dass die SPD in Hamburg so erfolgreich ist, liegt aber vor allem daran, dass sie hier immer in der politischen Mitte stand. Hinzu kommt, dass es hier den Hafen und auch sonst noch recht viel Industrie gibt. Deswegen gab es immer eine starke sozialstrukturelle SPD-Klientel. Insofern kämpft die CDU hier durchaus auf verlorenem Posten.

ZEIT ONLINE: Leidet die CDU immer noch unter dem Abgang von Ole von Beust und dem Scheitern von Schwarz-Grün 2010?

Schnapp: Ja, insofern, als es ihr nicht gelungen ist, sich neu zu erfinden und eine Geschichte zu erzählen, wieso Hamburg die CDU braucht. Auch personell hat sie sich noch nicht ausreichend erneuert. Das sieht man zum Beispiel daran, dass Wersich kein Schattenkabinett aufgestellt hat. Es gibt da eben niemanden, der sich als Wirtschafts-, Finanz- oder Innensenator aufdrängen würde.