Und dann spricht er doch. Monatelang hatte Niels H. den Prozess gegen ihn vorm Landgericht Oldenburg wortlos verfolgt. Hatte mitangehört, wie ihn ehemalige Kollegen als "Rettungsrambo" beschrieben, als anerkennungssüchtigen Adrenalin-Junkie, als einen, dem der Mensch hinter der Krankheit nichts bedeutete. Hatte mitangesehen, wie sich Dutzende Augenpaare aus dem Zuschauerraum an seinem Gesicht feststarrten in der Hoffnung, dort irgendeinen Grund für die grauenvollen Taten zu finden.

Hatte sich immer wieder mit der Hand in dieses Gesicht gefasst, als wolle er sich vergewissern, dass es noch da ist, dass die Zuschauer es ihm nicht weggeglotzt haben. Und jetzt plötzlich spricht er, lässt sich zu den Vorwürfen ein. Sagt, dass es ihm "wirklich leidtut" und hofft, "dass meine Verurteilung den Angehörigen hilft, das Leid aufzuarbeiten". Er sagt das sehr sachlich. 

Der Krankenpfleger Niels H., 38 Jahre alt, ist angeklagt, im Klinikum Delmenhorst drei Menschen ermordet und es bei zwei weiteren versucht zu haben. Er soll ihnen aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen das Medikament Gilurytmal gespritzt haben, "in dem Wissen und der Erwartung, dass die Gabe lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen bis hin zu Kammerflimmern und rapidem Blutdruckabfall auslösen kann".

Er habe das getan, glaubt die Staatsanwaltschaft, um bei der – selbst ausgelösten – lebensgefährlichen Krise der Kranken mit Reanimationskenntnissen prahlen zu können. Mit anderen Worten: Er wollte ein gefeierter Lebensretter sein. Bloß starben dabei drei Menschen.

Sonderkommission "Kardio"

Und es könnten noch weit mehr sein. 15 Beamte der Oldenburger Kriminalpolizei ermitteln derzeit in der Sonderkommission "Kardio" in mehr als 200 Sterbefällen, 174 davon allein in Delmenhorst – bei denen wird gerade geprüft, ob und wann die Leichen exhumiert werden. Hinzu kommen zwölf Verdachtsfälle im Klinikum Oldenburg, wo H. zuvor angestellt war, und noch weitere bei seinen ehemaligen Arbeitsstellen in Wilhelmshaven. Es sind Zahlen, die man kaum fassen kann.

Niels H. hat 30 Morde zugegeben. Am 8. Januar ließ er den Psychiater Konstantin Karyofilis, von dem er sich nach Weihnachten hatte explorieren lassen, eine Art Geständnis vortragen. Demnach habe er in Delmenhorst insgesamt 90 Patienten das Medikament Gilurytmal verabreicht, und 30 von ihnen seien dann – seinen Reanimationsversuchen zum Trotz – gestorben. Mögliche weitere Taten an anderen Arbeitsstellen bestreitet er. Er habe nur in Delmenhorst getötet, sagt er. 

2005 wird Niels H. erwischt

Niels H. begeht seine Taten dort zwischen Ende 2002 und Mitte 2005. Er hört erst auf, zu morden, als er am 22. Juni 2005 erwischt wird. Der ehemalige Justizvollzugsbeamte Dieter M., 63, liegt auf der Intensivstation im künstlichen Koma. Er erholt sich von zwei mehrstündigen Operationen, bei denen Teile seiner Luftröhre entfernt werden mussten. Dieter M. fiebert, aber sein Zustand ist stabil. Um 13.30 Uhr betritt H. dessen Krankenzimmer. Er spritzt dem Wehrlosen ohne ärztliche Anordnung 40 Milliliter Gilurytmal in den Venenkatheter.

Als Niels H. merkt, dass das gewünschte Ergebnis – der Herzstillstand – nicht eingetreten ist, kehrt er wenig später in Dieter M.s Zimmer zurück. Er dreht dem Patienten die Versorgung mit dem lebensnotwendigen Medikament Arterenol ab, der Blutdruck des Schwerkranken fällt sofort ab. Als zufällig die für M. an diesem Tag zuständige Schwester im Zimmer auftaucht, setzt bei M. lebensbedrohliches Herzkammerflimmern ein. Niels H. steht unbeteiligt daneben, als die Schwester ihn zunächst rettet.

Sie ist misstrauisch, vermutet, Niels H. könnte auf den Patienten eingewirkt haben. Sie nimmt Dieter M. Blut ab. Später fällt ihr auf, dass im Medikamentenschrank einige Ampullen Gilurytmal fehlen, obwohl es auf der ganzen Station keinen Patienten gibt, dem es verschrieben worden ist. 30 Stunden später stirbt Dieter M. Eine Woche darauf, als die Laborergebnisse den Verdacht der Schwester bestätigen, wird Niels H. verhaftet.