Es hat lange gedauert, aber seit gut einem Jahr führt Deutschland eine intensive sicherheitspolitische Debatte. Sie begann mit drei Reden auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2014: Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen plädierten damals für eine aktivere Rolle Deutschlands in der Welt.

Das Auswärtige Amt schloss daran an mit seiner "Review 2014", in der die deutsche Diplomatie über die Ziele und die Instrumente deutscher Außenpolitik nachdachte.

Nun, da in diesem Monat die Bilanz der "Review 2014" gezogen wird, beginnt der dritte Teil der Debatte. Das Verteidigungsministerium lässt über sein neues Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr diskutieren, das es im kommenden Jahr vorlegen will. Auftakt war eine Konferenz mit mehr als 200 Experten aus Militär, Politik, Diplomatie, Wissenschaft und Medien am Dienstag dieser Woche in Berlin.

Das letzte Weißbuch ist 2006 erschienen. Seither hat sich das strategische Umfeld vollkommen verändert. Russlands Aggression gegen die Ukraine, das Wüten des "Islamischen Staats" im Irak, in Syrien und jetzt auch in Libyen gefährden die Stabilität der internationalen Ordnung. "Die Welt ist aus den Fugen" – diese Formulierung Frank-Walter Steinmeiers bringt die vorherrschende Stimmung gut auf den Punkt.

Nervöses Lachen beim Wort "Großmacht"

Aber noch etwas hat sich verändert. Die Erwartungen, die sich auf Deutschland richten, sind größer geworden. Wegen der wachsenden wirtschaftlichen Stärke, aber auch wegen der Bereitschaft der Bundesregierung, größere politische Verantwortung zu übernehmen.

Deutschland sei heute eine "mittlere Großmacht", sagte Robin Niblett, Direktor des Chatham House, eines wichtigen Londoner Thinktanks, bei der Auftaktveranstaltung zur Weißbuch-Debatte in Berlin. Es müsse deshalb auch bereit sein, "von vorn zu führen". Frankreich, so Niblett, sei "schwach", und Großbritannien suche derzeit "nach seiner Rolle".

Beim Wort "Großmacht" geht immer noch ein nervöses Lachen durch die Reihen Berliner Politiker. Man will sich nicht größer machen, als man ist. Aber, und das ist neu: "Wir machen uns auch nicht kleiner, als wir sind." So sagt es Verteidigungsministerin von der Leyen. Sie selbst spricht neuerdings gern vom "Führen aus der Mitte", sucht mit diesem Kuschelbegriff jedes Großmachtgebaren zu vermeiden.

Aber auch sie registriert natürlich, was im Auswärtigen Amt mit einer Mischung aus Stolz und Sorge wahrgenommen wird. Dass nämlich für die Regierungen in Washington, Peking und Moskau heute Berlin der erste Ansprechpartner in Europa ist. Nach dem Motto: Wenn man sich mit den Deutschen geeinigt hat, dann hat man sich mit Europa geeinigt. Händeringend versucht die deutsche Diplomatie, solchen Schmeicheleien nicht zu erliegen, weiß sie doch, dass Deutschland nicht nur bei den anderen Europäern im Nu isoliert, sondern auch gefährlich überfordert wäre.

Nein, Deutschland will keine Großmacht sein, auch keine mittlere. Es will ein verlässlicher europäischer Verbündeter sein – darin herrscht in Berlin über fast alle Parteigrenzen hinweg Konsens. Aber so, wie Deutschland in Europa heute eine größere Verantwortung trägt, so trägt dieses Europa eine größere Verantwortung für die eigene Verteidigung und für die Sicherheit in seiner Nachbarschaft.

Partnerschaft statt Abschreckung?

Ob Deutschland aber auch bereit sein wird, die damit verbundenen größeren Lasten zu tragen, ist eine völlig offene Frage. Denn die Öffentlichkeit bleibt einer aktiveren Sicherheitspolitik gegenüber skeptisch bis ablehnend. Die Bundeskanzlerin und ihre Minister, die wissen, wie unpopulär höhere Verteidigungsausgaben sind, haben an dieses Thema bisher wohlweislich nicht gerührt. In der Diskussion über das Weißbuch wird es aber nicht ausgeklammert werden können.

Eines aber ist viel wichtiger: Die Debatte über die Sicherheitspolitik steht derzeit ganz im Schatten des düsteren Jahres 2014. Über dem Krieg in der Ostukraine, der alles Denken derzeit beherrscht, wird vergessen, dass die Jahre nach dem Fall der Mauer Jahre der Partnerschaft und der Kooperation mit Russland waren. Alle beteuern, nicht zurück zum Kalten Krieg zu wollen. Zugleich aber heißt es, Putin sei "kein Partner mehr". Die Nato hat jede politische und militärische Zusammenarbeit mit Russland eingestellt.

Die Gefahr ist groß, dass – wie im Kalten Krieg – die Logik von Abschreckung, Aufrüstung und Eskalation die strategische Debatte dominiert. Ein Weißbuch, das zehn bis fünfzehn Jahre in die Zukunft denkt, sollte aber auch fragen, ob es Wege zurück gibt zu Partnerschaft und Kooperation. Und welchen Beitrag Deutschland dazu leisten kann. Daran vor allem muss sich deutsche Sicherheitspolitik, die diesen Namen verdient, messen lassen.