Da sitzt er also, inmitten seiner Oggersheimer Gemütlichkeit. Imposante Bücherwände, braune Ledersofas, ein Foto seiner ersten Frau Hannelore im Rücken. Ein "Strickjackenpolitiker" sei er gewesen, heißt es manchmal über Helmut Kohl, weil er häufig den menschlichen, privaten Zugang zu seinem Gegenüber suchte. Doch für seine Bekenntnisse vor der Kamera hat er sich korrekt gekleidet. Obwohl er bei sich zu Hause ist, trägt er Anzug und Krawatte.

Im Jahr 2003 haben die Journalisten Stephan Lamby und Michael Rutz – eher linksliberal der eine, konservativ der andere – den früheren Bundeskanzler vier Tage lang zu seinem Leben befragt. Teile davon sind bereits in eine frühere Dokumentation eingeflossen. Aus dem Rest haben sie, aus Anlass von Kohls 85. Geburtstag am 3. April, nun ein monumentales Fernsehinterview erstellt. Sechs Stunden dauert die Langfassung, die ab der kommenden Woche im Netz verfügbar sein wird.

Sechs Stunden Kohl – braucht man das wirklich? Zu sehen war bei einer Veranstaltung in Berlin bisher ein 90-minütiger Ausschnitt des Werkes. Dieser legt nahe: Das meiste von dem, was man hier zu hören bekommt, ist – zumindest in den Grundzügen – längst bekannt.

Trotzdem ist es interessant und mitunter auch amüsant, sich die Ereignisse noch einmal von Kohl selbst schildern zu lassen: Radikal aus seiner Perspektive zwar, aber dafür detailreich und plastisch.  

Urologischer Ausflug

Da ist zum Beispiel der Bremer Parteitag der CDU 1989, auf dem Kohl eigentlich gestürzt werden sollte. "Meinen urologischen Ausflug in die Weltpolitik", nennt der Altkanzler diese Tage, mit einer Mischung aus unverhohlenem Stolz und beißender Ironie. Denn was damals niemand ahnte: Kohl hätte kurz vor dem Parteitag eigentlich dringend operiert werden müssen. Er litt an einem "urologischen Stau".

"Lesen Sie keine Zeitung?", habe er den Arzt fassungslos gefragt, als dieser ihm zur sofortigen Operation riet. Krankheit, fürchtete Kohl, wäre ihm in dieser Situation wohl als Flucht vor der eigenen Partei ausgelegt worden. Das wollte er auf jeden Fall vermeiden. Lieber ertrug er die vielen Stunden auf dem Podium mit Schlauchanschluss.

Politisch gewann er das, was er "die Schlacht" nennt, ohnehin, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Denn unmittelbar vor dem Parteitag verkündeten die Ungarn die Öffnung ihrer Grenze gen Westen – Kohl war darüber im Voraus informiert gewesen. Damit die Nachricht bei der Pressekonferenz zum Auftakt des Kongresses schon bekannt war, bat er den ungarischen Ministerpräsidenten sogar, die Ankündigung etwas vorzuverlegen. Danach interessierte sich keiner mehr für die Aufrührer um Heiner Geißler, Norbert Blüm und Rita Süßmuth. Der Aufstand fiel aus. "Die Bremer Stadtmusikanten sind heimgegangen und es war vorbei", kommentiert Kohl lakonisch.  

Fast schon archaisch

Doch jenseits solcher anekdotischer Schilderungen, vermittelt das Interview selbst in der Kurzfassung nicht nur ein Gefühl dafür, wer dieser Mann ist, wie er Politik verstand und wie er sie machte. Gerade mit dem Abstand von zwölf Jahren wird vielmehr auch deutlich, wie sehr sich Politik seither verändert hat.  

In mancher Hinsicht erscheint Kohl im Rückblick als ein fast schon archaisch anmutender Politikertypus, der mit dem ideologiefreien Pragmatismus und der Kopfgesteuertheit einer Angela Merkel oder wahlweise auch eines Frank-Walter Steinmeier nur wenig gemein hat.

Die eigene Partei zum Beispiel beherrschte Kohl, in dem er unermüdlich Kontakt zu allen Gliederungen und Ebenen hielt. So intensiv betrieb er das, dass man in der Partei schon lästerte, er brauche doch eigentlich gar keinen Generalsekretär, berichtet Kohl. Kommunikation via SMS, wie Merkel sie pflegt, wäre wohl selbst dann nicht sein Fall gewesen, wenn das damals technisch schon möglich gewesen wäre. Kohl telefonierte lieber. "Sie müssen die Stimme hören", sagt er.