Klar erkennbar waren bei Kohl auch die Grundüberzeugungen, mit denen er Politik machte. Das gilt vor allem für die Europapolitik. Gerade vor dem Hintergrund der heutigen Krise der gemeinsamen Währung, ist es interessant, sich noch einmal anzuhören, warum Kohl die Euro-Einführung damals so vehement vorantrieb. Nicht in erster Linie aus wirtschaftlichen Erwägungen, sondern weil er der Überzeugung war, dass "wir ohne gemeinsame Währung nicht vorankommen mit Europa". Der Euro sei gewissermaßen die "Gründungsurkunde für das Haus Europa gewesen".

Ausgerechnet der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, der von Kohl in dem Film als Exponent eines linken Pöbels geschmäht wird, ist deswegen auch überzeugt, dass Kohl sich in der gegenwärtigen Krise anders verhalten hätte als nun Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. "Kohl hätte auch ein Wort zu dem Leid gesagt, das die Eurokrise über die Griechen gebracht hat, und nicht nur Forderungen gestellt", sagte Ströbele nach der Vorführung der Kurzfassung in Berlin. 

Dass Kohl anders als geplant nicht 1996/97 zurücktrat und damit Platz für seinen Kronprinzen Schäuble machte, begründet er im Übrigen ebenfalls mit dem Euro. Schäuble hätte die Einführung des Euro nicht durchsetzen können, behauptet Kohl. Das freilich dürfte dieser ein wenig anders sehen. 

Vier oder fünf Spender

Zu den archaischen Seiten des Politikers Kohl gehört aber natürlich auch sein Umgang mit jenen Spenden, die er nicht nur nicht anmeldete, sondern auch völlig nach eigenem Gutdünken innerhalb der Partei verteilte. "Ein Fehler" sei das gewesen, betont Kohl zwar mehrfach. Aber natürlich: Die Namen seiner Wohltäter sind auch in dem bisher unveröffentlichten Filmmaterial nicht zu finden. "Vier oder fünf" seien es gewesen, verrät Kohl. "Wie viele denn nun?", fragt der Interviewer. Doch Kohl sieht keinen Anlass, sich näher festzulegen.

Auch nach Betrachtung der sechsstündigen Filmfassung dürften also weiterhin viele Fragen offen bleiben. Den Menschen Kohl hat man hinterher aber vielleicht doch ein wenig besser kennengelernt. 

Zwei jeweils 90-minütige Fassungen des Interviews sind am 24. und 25. März in der ARD zu sehen. Tagesschau.de und dbate.de stellen ab dem 24. März  darüber hinaus drei weitere Stunden des Gesprächs zur Verfügung. Auf dbate.de kommen außerdem Freunde und Kritiker von Kohl in Interviews zu Wort.