Wer Lobbyismus machen will, muss erst mal in die Lobby kommen. Die Wandelhalle vor den Parlamentsgebäuden war mal der klassische Treffpunkt zwischen Repräsentanten und Interessenvertretern. Heute ist es dort längst zu eng geworden. Mehr als zweitausend Verbände haben sich mit ihren wichtigsten Vertretern beim Bundestag registrieren lassen. Trotzdem: Kontakte sind Silber, Zugang ist Gold. Lobbyismus braucht das persönliche Gespräch. Überzeugen ohne eigenen Auftritt ist schwer. Wer etwas auf sich und seine Interessen hält, hat deshalb einen Hausausweis in der Tasche, Kategorie Grün. Er berechtigt zum Eintritt in alle zugehörigen Gebäude, ohne Formalitäten und Sicherheitskontrolle.

Blau sind Fraktionsmitarbeiter, Gelb die Mannschaften aus den Ministerien, Orange Lieferanten und Techniker, Rot die Medien. Grün, das sind all die, deren Jobs nicht unter die anderen Farben fallen. 16.600 Hausausweise sind im Umlauf, 2.280 gingen 2014 an Lobbyisten.

Wer sind diese Leute? Wen vertreten sie? Vor allem: Wie kamen sie herein? Fragen, die sich Rechercheure von abgeordnetenwatch.de stellen, einem Netzportal, das sich der Aufklärung über den Parlamentsbetrieb verschrieben hat. "Die Bürgerinnen und Bürger haben ein Anrecht darauf zu erfahren, welche Lobbyisten auf Einladung der Fraktionen im Bundestag ein und aus gehen", sagt abgeordnetenwatch.de-Geschäftsführer Gregor Hackmack. Weil Antworten trotz Hinweis auf das Informationsfreiheitsgesetz (IFG) ausblieben, beauftragte das Portal die Berliner Rechtsanwältin Katja Pink mit einer Klage. Die Juristin hatte vor drei Jahren die Herausgabe der Gästeliste erstritten, als Kanzlerin Angela Merkel für den ehemaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ein Geburtstagsessen ausrichtete. Pink rügt eine "doppelbödige Verfahrensgestaltung für die Dunkelmänner unter den Lobbyisten", die ein "beschämender Transparenzbetrug und Vertrauensmissbrauch am Bürger" sei.

Ein Verfahren führt durch die Vordertür, eins durch die Hintertür

Doppelbödig, das trifft es wohl. Ein Verfahren führt durch die Vordertür, eines durch die Hintertür ins hohe Haus. Laut Geschäftsordnung des Bundestags sollen Hausausweise nur ausgestellt werden, wenn sich die Verbände in das von Bundestagspräsident Norbert Lammert geführte öffentliche Verzeichnis eintragen lassen. Alles Nötige dafür hat der Bundestag auf seiner Website veröffentlicht. Allerdings können auch nicht öffentlich registrierte Lobbyisten hinein. Dafür muss ein Parlamentarischer Geschäftsführer einer Fraktion den Zugang ausdrücklich befürworten. Mit dessen Unterschrift sollen die Interessenvertreter nachweisen, dass sie die Bundestagsgebäude "nicht zuletzt im Interesse des Parlaments häufig aufsuchen müssen".

Die vielsagende Regelung findet sich jedoch nicht auf den Webseiten des Bundestags. Es handelt sich um einen Abschnitt der "Zugangs- und Verhaltensregeln", den der Ältestenrat als Ergänzung der Hausordnung per Beschluss 2011 neu gefasst hatte. Diese "sind und werden nicht veröffentlicht", bekundet der Bundestag fast trotzig, Begründung: keine. Bekannt ist bisher nur, dass im vergangenen Jahr insgesamt 1.350 Hausausweise für die Vordertür erteilt wurden und 930 für die Hintertür. Von welchen Verbänden die Hintertür-Hundertschaften geschickt werden, darf niemand wissen. Denn dann, meint die Bundestagsverwaltung, könnten Rückschlüsse gezogen werden, welche Fraktionsgeschäftsführer für welche Lobbyisten votierten.