Peer Steinbrück kann wunderbar trocken über seine SPD lästern. Wenn er von den "Gewissensforschern" erzählt, die lieber "100 Prozent recht haben wollen" als "50 Prozent" Erfolge erzielen, dann geht das gegen die Partei-Linke. Und wenn er von einer "Allmachtsvorstellung" spricht, nämlich der, dass die SPD die Probleme eines jeden Deutschen und darüber hinaus lösen wollte, dann meint er das Bundestagswahlprogramm 2013.

Der Mann, der einmal Kanzler werden wollte, beginnt in diesen Tagen mit einer Tour durch das Land, um sein neues Buch zu verkaufen, darin stehen diese trockenen Lästereien, die auch Erfahrungsberichte sind. "Die SPD ist so häufig schlechter Laune", sagt der Ex-Kandidat. Das sei auch nur folgelogisch, wenn man immer zu viel wolle und so zwangsläufig scheitern müsse.

Im Berliner Ensemble, dem Brecht-Theater an der Spree, stellt Steinbrück am Dienstagabend sein Werk Vertagte Zukunft vor – flankiert von Ulrich Wickert, dem verschmitzten Ex-Moderator der ARD-Tagesthemen. Der lobt die rund 300-Seiten-Schrift:  "Ich habe in Deutschland noch kein politisches Buch gelesen, das so offen ist."

Schwimmen ohne Badehose

Viel Rücksicht nimmt der Autor tatsächlich nicht mehr auf seine Partei. Steinbrück, bis heute SPD-Bundestagsabgeordneter und damit noch Teil der großen Koalition, schreibt zum Beispiel schonungslos von dem Chaos, das im September 2012 über ihn hineinbrach. Frank-Walter Steinmeier hatte vor Journalisten angedeutet, dass er für eine Kanzlerkandidatur nicht zur Verfügung stünde. So wurde Steinbrück als einzig verbliebener Kandidat binnen Stunden zum obersten Wahlkämpfer der Sozialdemokraten: "Ich musste schwimmen, bevor ich mir nur eine Badehose anziehen konnte", formuliert er es in seinem Buch in der ihm eigenen Flapsigkeit.

Nichts sei organisiert gewesen, keine Arbeitsteilung mit dem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel vereinbart und vor allem keine Sprachregelung zu den hohen Honoraren gefunden, die Steinbrück zu dieser Zeit mit seinen Vorträgen erzielte. Dabei war der Konflikt programmiert, so jedenfalls urteilt der Kandidat mit Abstand: Schien das viele Geld doch so gar nicht zu passen zur SPD, der selbst ernannten Partei der kleinen Leute.

"Wenn ich mir die Schilderung in ihrem Buch zum Beginn des Bundestagswahlkampfes so anschaue, so zeigt sie einen totalen Dilettantismus – von Ihnen und Ihrer Partei", sagt Wickert auf der Bühne des Berliner Ensembles. "Nee, das ist sozialdemokratische Strategie", antwortet Steinbrück, Ironie, natürlich. Er lacht vergnügt in sich hinein.

51 Wochen Krampf

Seine Kanzlerkandidatur war, glaubt man dem Autoren heute, ein 51 Wochen andauernder K(r)ampf. Schon im Frühjahr 2013 habe er gewusst, dass dieser nicht zu gewinnen war.

Das öffentliche Eingeständnis Steinbrücks, seine Kandidatur sei ein Fehler gewesen, hat in den vergangenen Tagen Schlagzeilen gemacht. Doch wenn Steinbrück von Fehler spricht, meint er die persönliche Fehleinschätzung extrinsischer Faktoren – kein Wort verliert der Ex-Kandidat über seine eigene Performance im Wahlkampf.  

Nein, es waren die Wähler, die träge waren und lieber auf Merkels "Nullsätze" vertrauten, als auf seinen Klartext, und es waren die Journalisten, die ihn und seine Rhetorik verurteilten statt ihm zuzuhören. Es war die fehlende Machtoption für Rot-Grün und die Tatsache, dass er, Steinbrück, nicht zum linken Programm seiner Partei passte. Dabei hat er es mitbeschlossen – im April 2013 war er schon mehrere Monate Kanzlerkandidat.

Zur Wahrheit gehört auch, dass Steinbrück früh als Kandidat gehandelt wurde und sich dem nicht erwehrte, dass er sich die Aufgabe natürlich zutraute. Seine zweitälteste Tochter habe ihn einmal dafür kritisiert, dass er sich von dem Erfolg seiner früheren Bücher und Vortragsreihen blenden ließ, schreibt Steinbrück in seinem Buch. Sozusagen der Höhepunkt der indirekten Selbstkritik – mehr Eigen-Fehleranalyse ist auch 18 Monate nach der Wahl nicht drin.