Was für ein Mist, denkt man. Markus Nierth, bis Freitag Ortsbürgermeister von Tröglitz in Sachsen-Anhalt, tritt zurück, aus Angst um seine Familie und aus Frust, alleingelassen zu werden. Die traurige Geschichte ist inzwischen im ganzen Land bekannt: Asylbewerber sollten in Nierths Dorf ziehen, er wollte sie willkommen heißen – die NPD und Anwohner wollten das nicht, sie demonstrierten dagegen, jede Woche. Am Ende wollten sie gar vor dem Haus des Bürgermeisters demonstrieren. Die Behörden verbieten das nicht. Nierth gibt auf.

Was für ein Mist. Doch dann sagt Nierth, in seinem wunderschönen, umgebauten Bauernhaus am höchsten Punkt seines Ortes auf der Couch sitzend: "Ich fühle mich geliebt."

Wie bitte? Vielleicht lohnt es sich doch, diese Geschichte, deren Eckpunkte Nierth mittlerweile einem Dutzend Fernsehteams erzählt hat, den Menschen vom Radio und von den Zeitungen und später an diesem Dienstagabend in der Talkshow von Markus Lanz, noch einmal genauer zu betrachten. Und mit ihr diesen Mann.

Nierth ist freiberuflicher Trauerredner. Empathie ist sein Job. Vor 30 Jahren flüchtete er mit seinen Eltern – der Vater war auch Theologe – aus dem Osten gen Westen. Zehn Jahre später kam er zurück, kaufte dieses alte Bauernhaus am Rande des Ortes und baute es drei Jahre lang um. Nun lebt er dort mit seiner Frau und sieben Kindern, "dank Patchwork", sagt Nierth. Hinter dem Sofa steht ein Flügel, darauf liegt ein Strauß Blumen. Auf dem Tisch und den Fensterregalen stehen Kerzen.

"Keiner will sie. Ich eigentlich auch nicht"

Im vergangenen Spätherbst begann die Geschichte. 50 bis 60 Asylbewerber wollte der Landkreis in Tröglitz unterbringen. Nierth legte sofort los. "Ich wusste ja, dass die NPD das ausnutzen wird, deswegen bin ich gleich selbst in die Offensive gegangen." Er hat also einen langen Text geschrieben, in der Gemeindezeitung Blickpunkt. "Wir ahnen, das wird Probleme geben", heißt es darin. Und später, in gefetteten Buchstaben: "Keiner will sie. Ich eigentlich auch nicht. Aber sie sind einfach da." Nun sollten die Tröglitzer "allen Mut zusammennehmen" und "den Asylanten und Flüchtlingen offen und freundlich begegnen".

Es ist ein kitschiger Text und einer, der die Verunsicherung eines kleinen Dorfes angesichts der zuziehenden Asylbewerber mindestens ernst nimmt. An Weihnachten predigte der studierte Theologe Nierth erstmals seit Jahren wieder in der Kirche. "Dafür, die Herzen zu öffnen."

Doch statt Unterstützung von den Nachbarn kam Widerstand. "Da haben sich sofort besorgte Bürger und Wutbürger versammelt und dummerweise die NPD mit ins Boot gelassen." Das ist die schärfste Kritik, die Nierth überhaupt an den Tröglitzern äußert: dass sie die Rechtsradikalen die Demos haben anmelden lassen, "weil sie sich das selbst nicht zugetraut haben".

Er schlug der NPD einen Deal vor

Rund hundert Menschen zogen jeden Sonntag durch den Ort, mit Trillerpfeifen und Laternen. Darunter seien auch extra angereiste Rechtsradikale gewesen, sagt Nierth. Er selbst baute einen Tisch auf, kochte Kaffee für alle, legte Broschüren aus über Asylverfahren. "Die meisten waren nur besorgte Bürger, in keiner Weise rechtsradikal. Die wollten einfach Informationen haben. Das kann ich gut verstehen." Nierth erzählt, seine älteren Töchter, "die haben auch mal in Berlin" gelebt, dort seien sie "schon auch mal von migrantisch aussehenden Männern belästigt worden".

Er traf sich mit dem Landrat, erzählte vom Widerstand im Ort und rang ihm die Zusage ab, maximal 40 statt wie vorher geplant mindestens 50 Asylbewerber in Tröglitz unterzubringen. Es war ein Zugeständnis.

Auf Facebook hatten die Asylbewerber-Gegner mittlerweile eine Seite gegründet, und als dort das Foto eines vom IS geköpften Mädchens als Argument gegen Asylbewerber gepostet wurde, hatten Nierth und seine Frau doch genug. Sie beschwerten sich über die Hetze und stritten sich mit der Tröglitzerin, die das Foto eingestellt hatte.

Nierth schrieb wieder einen Brief an das Dorf, diesmal etwas verzweifelter, klagender. Er wandte sich "an die große Mehrheit der Tröglitzer, die bisher abwartend und besonnen auf die Ankündigung reagiert hat". Doch die große Mehrheit blieb still.

Schließlich schlug er der NPD einen Deal vor: Sie, die immer betonen, gegen echte Kriegsflüchtlinge hätten sie nichts, kümmern sich um die Kriegsopfer unter den ankommenden Asylbewerbern. Und Nierth und die anderen, aufnahmebereiteren Tröglitzer kümmern sich um all jene, die aus Sicht der NPD sowieso nur Schmarotzer sind.

Letztes Kapitel: Anstatt auf Nierths Angebot einzugehen, kündigen die NPD-Veranstalter der Tröglitzer Demo an, am 8. März vor dem Haus des Bürgermeisters zu demonstrieren – "um ihn an seine Verantwortung zu erinnern". Nierth selbst erfährt erst am Donnerstag davon, das Landratsamt sagt, sie könnten die Demo nicht verbieten. Am Freitag tritt Nierth, der doch so viel richtig gemacht hat, zurück. Die NPD verlegt die Demo auf die normale Route. Am Montagabend stimmt der Kreistag der Unterbringung der Asylbewerber in Tröglitz zu.

"Die wurden von den NPD instrumentalisiert"

Nun, da es zu spät ist, stärken sie ihm den Rücken. In Berlin nennt Justizminister Heiko Maas Nierths Fall eine "Tragödie für die Demokratie", Politiker aller Parteien beklagen seinen Rücktritt. Auf dem alten Holztisch im Erdgeschoss von Nierths Haus liegt ein handgeschriebener Brief eines Nachbarn, der ihm seine Unterstützung versichert. Am Sonntag schon kam der Innenminister von Sachsen-Anhalt zum Friedensgebet nach Tröglitz. Bald sollen NPD-Demos vor den Häusern ehrenamtlicher Politiker verboten werden können. "Ich bekomme jetzt so viel Zuspruch, das tut so gut", sagt Nierth.

Aber Herr Nierth, hätten Sie die Unterstützung nicht vorher gebraucht, hätten nicht gerade die Tröglitzer Ihnen vorher beistehen müssen? "Die sind nicht schuld", sagt er, "die wurden von der NPD instrumentalisiert".

Wer dann schuld ist am Rücktritt? Nierth überlegt lange. Dann sagt er: "Eine Politik und eine Verwaltung, die mich nicht geschützt hat." Nicht die NPD, nicht die Asylgegner im Ort und nicht die vielen Tröglitzer, die sich nicht hinter ihren Bürgermeister stellten – nein, das Landratsamt. Weil es nicht sicher war, ob es die Demo vor seinem Haus verbieten konnte. Das Landratsamt sitzt in Naumburg, 30 Kilometer entfernt. Nierth sieht dessen Mitarbeiter nicht jeden Tag auf der Straße. Seine Tröglitzer schon. Sie haben seine Empathie, die Institutionen des Staates haben sie nicht.

Im Zentrum von Tröglitz, vor dem Nahkauf und dem Lottogeschäft mit der Postannahme, steht das schwarze Brett der Gemeinde. Daran sind dicht an dicht Briefe geheftet, von Nierth und gegen ihn, von alten Anwohnern und ehemaligen Bürgermeistern. Manche mit Namen unterschrieben, andere anonym klagend oder pöbelnd.

Davor steht ein Mann in brauner Jacke, vielleicht 65 Jahre alt. Ganz schön was los hier bei Ihnen, oder? "Na, ist ja auch gut so", gibt er zurück. Warum? "Wird ja mal Zeit, dass sich was ändert." Aber dass Ihr Bürgermeister nun zurückgetreten ist, das ist doch nicht gut? "Dazu sagen wir nix", sagt der Mann.