Die eigene Zeit frei einzuteilen, das wünschen wir uns alle. Mal mittags mit den Kindern auf dem Spielplatz toben, statt kurz vor knapp zur Kita zu hetzen. Die Präsentation zuklappen, sich in die Sonne setzen, am Abend mit klarem Kopf weiterfeilen. Den Vater zum Arzt fahren oder auf ein Stück Kuchen bei den Eltern vorbeischauen. Ein fauler Nachmittag auf dem Sofa, ein paar Monate Asien im Winter, um den Blick zu weiten, sich neu zu erfinden – alles ohne finanzielle Sorgen, versteht sich.

Doch unsere Zeit ist oft fremdbestimmt. Eingetaktet. Kann Politik daran etwas ändern? Die Grünen haben das jetzt als eines ihrer Profilierungsprojekte für 2015 auserkoren. Auf dem kleinen Parteitag an diesem Samstag in Berlin soll es um Zeitpolitik gehen. "So wie wir keinen Raubbau an der Natur wollen, so wollen wir auch nicht, dass Menschen an sich selbst Raubbau betreiben", schreibt die Parteiführung in ihrem Leitantrag. 

Für "gutes Essen" setzt sich die Oppositionspartei schon länger ein, nun darf auch die zweite Bewegung, die verspricht, zum Mainstream zu werden, nicht fehlen. Kaum wurde je so viel über Zeitmangel debattiert wie heute.

Der Grünen-Antrag liest sich bewusst unkonkret – er soll die eigenen Leute erst einmal zum Nachdenken animieren: Das Leben sei ein Puzzle aus zeitfressenden Aufgaben in Familie, Job und Freizeit sowie gesellschaftlichem Engagement. Wie werden die einzelnen Teile wohl am besten zusammengelegt?

Die SPD war schneller

Gesine Agena, 27 Jahre alt und frauenpolitische Sprecherin der Partei, hat viele Monate darüber nachgedacht. Sie weiß: Am Ende geht es vor allem um eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, aber diesmal für die Mitarbeiter und nicht für die Chefs. Das wäre ziemlich revolutionär: "Die Zeitpolitik ist kein 'Gedöns'. Wenn wir konsequent mehr Selbstbestimmung für Arbeitnehmer einfordern, wird das nicht allen Unternehmen gefallen", sagt Agena.

Auch SPD-Familienministerin Manuela Schwesig hat das schon gemerkt. Sie wirbt seit ein paar Monaten für mehr Zeit für Familien. Ihre Ideen für eine 32-Stunden-Woche für Mama und Papa von unter Dreijährigen wurden vom Regierungssprecher als "persönlicher Debattenbeitrag" abgetan. Schwesig ist hoch geschätzt in feministischen Kreisen, auch bei den Grünen: Manche träumen schon von einem rot-grünen Identifikationsprojekt für 2017, wenn die große Koalition überwunden werden soll.  

Die emanzipatorische Bewegung bei den Grünen fragt sich dieser Tage, ob sie eine Entwicklung verschlafen hat. Lange kämpfte sie für ein Recht auf Vollzeitarbeit für Frauen. Doch ist es Emanzipation, wenn Frauen sich genauso abrackern wie Männer?

Manch einem grünen Fachpolitiker scheint die SPD in Sachen Zeitpolitik deutlich moderner aufgestellt: SPD-Chef Sigmar Gabriel will ausdrücklich die "Sandwich-Generation" umgarnen. Also die 25- bis 39-Jährigen, eingeklemmt zwischen Karriere, Babywindeln und Sorge um die eigenen Eltern. Das Elterngeld Plus, eine Möglichkeit für Männer und Frauen für staatlich subventionierte Teilzeitarbeit in den ersten Lebensmonaten des Kindes, wurde bereits beschlossen.

Eierlegende Wollmilchsau oder konkrete Politik?

"Wir trauen uns weiterzudenken. Viele der SPD-Vorschläge können wahrscheinlich nur von wenigen Familien gelebt werden", sagt die frauenpolitische Sprecherin Agena. "Uns ist es wichtig, Zeitpolitik für alle Generationen zu machen", betont die grüne Sozialpolitikerin Katja Dörner. Allerdings birgt das ein Risiko: Jeder in der Partei versteht unter Zeitpolitik, was er will.

So schweben der Grünen Parteijugend mehr Zeit für "übermüdete Schüler" wie "flexible Teilzeitstudienmöglichkeiten" vor. Frauenpolitikerinnen fordern eine bessere Anerkennung des Ehrenamtes, am liebsten sähen manche Rentenansprüche für Frauen, die ihre Angehörigen pflegen – also eine Gleichstellung mit der Erwerbsarbeit. 

Vergangenes Wochenende diskutierte der Bundesfrauenrat der Grünen über Zeitpolitik. Irgendwann schaltete sich Dörner in die Diskussion ein. Die "eierlegende Wollmilchsau" zu suchen, das könne die Partei gerne machen, Aufgabe der Bundestagsabgeordneten sei es aber, "vier bis fünf konkrete Projekte zur Zeitpolitik zu erarbeiten. Von uns wird erwartet, dass wir geprüfte und zügig umsetzbare Konzepte vorlegen", sagt die stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion.

So trifft sich seit einigen Monaten eine Arbeitsgruppe grüner Abgeordneter – und grübelt darüber, wie genau man denn flexiblere Arbeitszeiten gestalten könne. "Je tiefer wir in das Thema einsteigen, desto komplexer wird es", sagt die zuständige Fachpolitikerin Brigitte Pothmer: "Der Teufel steckt oft so im Detail, dass ich manchmal von Zeitfress-AG spreche." Sie lacht. Um gleich darauf diplomatisch zu sein: "Wir brauchen viel Zeit, damit andere später mehr Zeit haben."