Es ist eine lange, beklemmende Liste, die da in den vergangenen Wochen entstanden ist. Seit bekannt wurde, dass der Bürgermeister des kleinen Ortes Tröglitz in Sachsen-Anhalt zurückgetreten ist, weil Neonazis vor seinem Wohnhaus demonstrierten, haben immer mehr Politiker bekannt gemacht, dass auch sie Morddrohungen und wüste Beschimpfungen erhalten.

Unter den Betroffenen sind bekannte Bundespolitiker wie die Integrationsbeauftragte im Kanzleramt, Aydan Özoğuz (SPD), die Linken-Abgeordnete Petra Pau, der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi oder der Grünen-Chef Cem Özdemir.

Man wünsche ihm einen "langsamen, qualvollen Tod", so stand es in einer E-Mail an Thierse. "Die Zeit wird kommen, und wenn sie kommt, weißt Du Bescheid", schrieb ein Anonymus an Fahimi. "Der Türke verdient den Museltod. Kopf abschneiden der Drecksau", stand auf Facebook über Özdemir.

Oberbürgermeister unter Polizeischutz

Nicht weniger betroffen sind Landes- und Kommunalpolitiker auf allen Ebenen. Morddrohungen erhielten zuletzt zum Beispiel der Ministerpräsident von Thüringen, Bodo Ramelow (Linke), der Oberbürgermeister von Leipzig, Burkard Jung (SPD), und der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) wurde gar unter Polizeischutz gestellt. "Ein Baum, ein Strick, ein Trümper", hatte auf seiner Facebook-Seite gestanden.

Auch in Pirna, Kamenz, Lübbenau oder Donau-Ries wurden in den vergangenen Wochen Bürgermeister und Landräte von Bürgern massiv angefeindet und bedroht. Zu den Betroffenen gehören Vertreter aller demokratischen Parteien, von der Linken bis zur CSU, auch parteilose Amtsträger sind darunter.

Ändert sich hier gerade etwas im Verhältnis von Wählern und Gewählten? An dem Umgang, den man miteinander pflegt, an der Tonlage, in der man miteinander redet? Und wie gehen Politiker damit um?

Objektive Zahlen dazu, ob Drohungen gegen Politiker zugenommen haben, gibt es nicht. Bei der Polizei wird bei Anzeigen wegen Bedrohung schließlich nicht statistisch ausgewertet, welchen Beruf die Betroffenen haben. Aber auch in den Parteizentralen von CDU, CSU, SPD und Grünen hat man entsprechende Vorfälle bisher nicht zentral gesammelt.

Eine Liste der Übergriffe

Nur die Bundestagsfraktion der Linken hat einmal eine Liste aller Übergriffe, Attacken und Anschläge auf Mitglieder und Bürostrukturen aus den vergangenen zwei Jahren erstellt. 83 Vorfälle sind demnach für den Zeitraum Januar 2013 bis März 2015 bekannt. Hass-Mails sind da nicht mitgezählt, es geht schon um konkrete Sachbeschädigung, Angriffe mit Steinen und Buttersäure, gesprengte Briefkästen, Schmierereien, teilweise auch um tätliche Übergriffe auf einzelne Politiker. Während in den ersten drei Monaten 2013 und 2014 sechs beziehungsweise sieben Fälle notiert wurden, waren es in den ersten drei Monaten 2015 schon 13 Übergriffe.

In Sachsen sammelt ein Operatives Abwehrzentrum (OAZ), eine Spezialeinheit der Polizei, seit diesem Jahr alle Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger, allerdings nur sofern sie in Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage stehen. Seit Januar seien bisher Ermittlungen in neun Fällen mit sechs geschädigten Amtsträgern, unter anderem wegen Beleidigung, Bedrohung und Sachbeschädigung, zu verzeichnen, teilte das OAZ auf Anfrage von ZEIT ONLINE mit. Vergleichsdaten für die Vorjahre fehlen aber natürlich.

Doch es gibt auch andere Indizien dafür, dass das politische Klima rauer geworden ist. In Berlin beispielsweise wurde gerade die Landeswahlordnung geändert. Anders als bisher, sollen künftig die Adressen der Kandidaten für das Landesparlament und die Bezirksverordnetenversammlung nicht mehr veröffentlicht werden. Die Politiker erhielten in zunehmendem Umfang Drohbriefe, vereinzelt würden auch Gebäude beschmiert oder Gegenstände zerstört, hieß es zur Begründung.