In den vergangenen 20 Jahren hat die Bundeswehr fast 180.000 G36-Sturmgewehre bei dem süddeutschen Waffenhersteller Heckler & Koch gekauft, laut Ministerium werden noch 166.619 genutzt. Nun ist die verbreitetste Waffe der deutschen Armee wegen ihrer mangelnden Treffgenauigkeit in Verruf geraten, Fachleute prüften das Gewehr deshalb erneut. 

Eine Expertengruppe soll heute einen Untersuchungsbericht an das Ministerium übergeben. Worum geht es und was ist bisher bekannt?

Was ist das Problem?

  • Feuert ein Soldat längere Zeit, erhitzt sich der Lauf so, dass die Waffe angeblich nicht mehr sicher trifft. Dieser Effekt tritt auch beim Einsatz in klimatisch heißeren Regionen auf.
  • Laut Stern fand das Wehrwissenschaftliche Institut der Bundeswehr zudem Hinweise auf einen Konstruktionsmangel im Kunststoffgehäuse. Das Gewehr enthält Polyethylen, wie der Bundesrechnungshof im Juni 2014 in einem Prüfbericht dokumentiert habe, weshalb sich die Waffe verformen könne, wenn sie erhitzt ist. Interessant: Das von der Herstellerfirma präsentierte Vorzeigemodell, mit dem Heckler & Koch die Bundeswehr 1993 von der Alltagstauglichkeit der Waffe überzeugte, enthielt dem Bericht nach dagegen noch kein Polyethylen. H&K entgegnete, die Werkstoffe seien mit der Bundeswehr abgestimmt gewesen. Geprüft worden sei damals zudem eine "prototypähnliche Musterwaffe" in einem frühen Entwicklungsstadium.

Was war wann und durch wen bekannt?

  • Das Thema wurde im September 2013 erstmals von offizieller Seite her bekannt. Eine Woche vor der Bundestagswahl ließ der ministeriale Pressestab wissen, die in Medienberichten beschriebenen Probleme bei der Treffsicherheit seien längst bekannt und in Untersuchungen ausgeräumt. Die Waffe gelte "als insgesamt zuverlässig". Beanstandungen lägen weder aus dem Einsatz noch aus dem Ausbildungsbetrieb vor. Die Ungenauigkeiten entsprächen "allgemein bekannten normalen physikalischen Gesetzmäßigkeiten", teilte das zu dem Zeitpunkt von Thomas de Maizière geführte Ministerium mit.
  • Intern wusste die Behörde damals mindestens seit 22 Monaten Bescheid, also spätestens seit November 2011.
  • Vor wenigen Tagen dann kam es zur öffentlichen Kehrtwende: Anfang April 2015 räumte Ministerin Ursula von der Leyen die Probleme mit der Treffsicherheit erstmals ein.

Hatten die Probleme Konsequenzen?

  • Bereits vor einem Jahr gab es in der Bundeswehr eine Initiative zur Verbesserung des G36, die offenbar nicht weiterverfolgt wurde. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, war die Forderung enthalten, die Präzision müsse "auch nach intensivem Feuerkampf sowie bei erheblichen Änderungen der Außentemperatur" erhalten bleiben. Laut Protokollen des Verteidigungsausschusses, aus denen die SZ zitiert, wurde die Initiative damals zurückgestellt, weil eine weitere Untersuchung des Gewehrs begann.

Wer untersucht die Probleme?

Den Problemfall G36 untersuchen mehrere Kommissionen:

  • Fachleute der  Bundeswehr, des Bundesrechnungshofs und des Ernst-Mach-Instituts der Fraunhofer Gesellschaft sind seit Frühjahr 2014 von von der Leyen beauftragt, Klarheit zu schaffen. Die Experten sollen ihren Bericht am heutigen Freitag dem Ministerium übergeben. Die bisher intern bekannt gewordenen Bewertungen wiesen "in eine eindeutige Richtung", hatte von der Leyen gesagt.
  • Eine weitere Kommission im Auftrag der Ministerin soll jetzt untersuchen, ob Soldaten zu Schaden kamen. Leiten soll das Gremium der frühere Grünen-Verteidigungspolitiker Winfried Nachtwei, dazu gehört auch der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus. Die Gruppe soll die "alten Berichte im Lichte der neuen Erkenntnisse" nochmals analysieren und gegebenenfalls früher Beteiligte erneut befragen.
  • Eine weitere Kommission unter Vorsitz des Commerzbank-Aufsichtsratschefs Klaus-Peter Müller soll organisatorische Mängel im Ministerium aufspüren. Ihre Mitglieder haben den Auftrag, alle verfügbaren Unterlagen der Beschaffung des G36 zu sichten und daran Beteiligte zu befragen. Ziel ist, das Beschaffungswesen "zu modernisieren". 

Was ist mit möglichem Schadensersatz?

  • Öffentlich hieß es bisher nur, das Ministerium behalte sich Schadensersatzansprüche gegen Heckler & Koch vor. Laut einem Bericht der Bild ist man bereits tätig: Der Abteilungsleiter Recht im Verteidigungsministerium habe eine "Bitte um Vorlage einer Erstbewertung zu Schadensersatzansprüchen" erhalten, berichtet die Zeitung. Kurz zuvor hatte das Ministerium noch einen Bericht dementiert, es prüfe Ansprüche.

Was sagt der Hersteller? 

  • Heckler & Koch fürchtet weltweit um seine "technische Reputation". Der Konzern reagierte gereizt auf die Kritik an dem Gewehr. Eine erhöhte Erwärmung des G36 störe dessen Funktion nicht, hieß es in einer mehrseitigen Stellungnahme. Die Konzernführung verlangt eine erneute, unabhängige Untersuchung der "erhobenen Vorwürfe und angeblichen Fachexpertisen durch das Bundeskriminalamt", da die Mitglieder der bisherigen Fachgruppe der Bundeswehr zu nahe stünden. Der Konzern beklagte eine mangelnde Dialogbereitschaft des Bundes und sieht zudem "Anhaltspunkte für eine Haftung des Bundes", da der offenbar seine Dienst- und Fachaufsicht verletzt habe.
  • Weiterhin zweifelt H&K in seiner Stellungnahme die Vergleichstests an, in deren Verlauf ein anderes Gewehr besser als das G36 abgeschnitten haben soll.