Das G36 erfüllt bei der Treffsicherheit nicht die Anforderungen der Bundeswehr. Zu diesem Schluss kommt die vom Verteidigungsministerium mit der Prüfung des Gewehrs beauftrage Expertengruppe in ihrem Abschlussbericht, welcher der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Demnach bestätigen die Sachverständigen Angaben, wonach das G36 unter hohen Umgebungstemperaturen unzuverlässig ist.

Das Gewehr ist demnach sowohl bei einer Erwärmung durch Dauerfeuer nicht zuverlässig als auch bei wechselnden Außentemperaturen. Die Treffwahrscheinlichkeit sinke bereits nach wenigen Schüssen, schreiben die Fachleute. Auch der Wechsel von einer trockenen in eine feuchte Umgebung führe zu Problemen.

"Ursächlich für die sinkende Treffwahrscheinlichkeit ist nicht eine der Komponenten, zum Beispiel Munition oder Waffe, sondern das Gesamtsystem", schreiben die Experten in ihrem Bericht. Grundsätzlich seien die Anforderungen an das Gewehr technisch aber realisierbar. Das hätten Tests gezeigt.

An dem 372 Seiten starken Gutachten haben der Bundesrechnungshof, das Ernst-Mach-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft, eine Wehrtechnische Dienststelle der Bundeswehr und das Wehrwissenschaftliche Institut für Werks- und Betriebsstoffe mitgearbeitet. 

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte das Gutachten im Juli 2014 in Auftrag gegeben. Sie wusste von den wesentlichen Ergebnissen bereits Ende März. Sie hatte sich vorbehalten, die rund 167.000 Gewehre dieses Typs in den Beständen der Bundeswehr auszumustern. Der Hersteller Heckler & Koch weist die Vorwürfe zurück und wirft dem Ministerium Rufschädigung vor. Beide Seiten behalten sich Schadensersatzklagen vor.

Der Hersteller verlangt eine erneute Untersuchung

Wie von der Leyen mit dem Gutachten umgehen wird, ist offen. Das Ministerium will Konsequenzen prüfen. "Es ist sicher nicht sachgerecht, dieses Gewehr in Bausch und Bogen für untauglich zu erklären", sagte von der Leyens Sprecher. Unter normalen Umständen verhalte sich das G36 durchaus im Rahmen dessen, "was man von so einem Gewehr erwartet". Das Gewehr sei in den neunziger Jahren nicht unbedingt für Szenarien wie lange Gefechte in Afghanistan entwickelt worden, auch wenn solche Szenarien nicht vernachlässigt werden dürften.       

Die Grünen forderten schnelle Konsequenzen aus dem Bericht. "Ursula von der Leyen sollte sich jetzt besser nicht als die große Aufklärerin inszenieren", erklärte der Verteidigungsexperte Tobias Lindner. "Sie hat es verpasst, umgehend umfassend auf die Probleme mit dem Gewehr zu reagieren." Ein stringenteres Handeln hätte früher zu dem Untersuchungsergebnis führen können.

In den vergangenen 20 Jahren hat die Bundeswehr fast 180.000 G36-Sturmgewehre beim Waffenhersteller Heckler & Koch gekauft, laut Verteidigungsministerium werden noch 166.619 genutzt. Heckler & Koch fürchtet wegen der Mängel weltweit um sein Ansehen. Eine erhöhte Erwärmung des Gewehres störe dessen Funktion nicht, hieß es in einer mehrseitigen Stellungnahme des Unternehmens.

Die Konzernführung verlangt zudem eine erneute, unabhängige Untersuchung der "erhobenen Vorwürfe und angeblichen Fachexpertisen durch das Bundeskriminalamt", da die Mitglieder der bisherigen Fachgruppe der Bundeswehr zu nahe stünden.