Okan (38) und Enrico (43) treffen pünktlich auf dem Gelände der Berliner Khadija Moschee im Stadtteil Pankow-Heinersdorf ein. Hier sind sie mit dem 35-jährigen Tino verabredet, der vor der Tür auf sie wartet.

Die Moschee ist die erste Station auf ihrer Reise in die Dresdner Innenstadt, wo der Sachse Enrico, der Deutschtürke Okan aus Westberlin und der Ostberliner Tino, über den Islam reden wollen. Die Gräueltaten einer extremistischen Minderheit schmerzen sie, sagen sie. Sie wollen die Menschen in Dresden über die Schönheiten der Lehre informieren, damit das negative Islambild verschwindet. Okan sagt außerdem: "Unsere Interpretation ist eine Impfung gegen Radikalisierung. Sie lehrt Barmherzigkeit gegenüber allen Geschöpfen Gottes." Die Leute von Pegida hätten dieselben Wünsche wie Muslime: ein Leben in Harmonie, Wohlstand und eine blendende Zukunft für ihre Kinder und Enkel. Der weißbärtige Enrico mischt sich ein: Jenseits der Floskel "Das hat nichts mit dem Islam zu tun!", hält auch er die Islamisten für das größte Problem, nicht die Pegida-Anhänger. Okan ergänzt zynisch: "Ich brauche mir keinen Besen im Gesicht wachsen zu lassen, um als wahrer Muslim zu gelten!". Extremisten seien eine Gefahr für alle Bürger dieses Landes.

Bevor die drei Männer aufbrechen, beten sie noch für eine gelungene Aktion in Dresden. Im Gebetsraum stößt der Imam Said Arif zu ihnen und schwört sie freundlich und gelassen auf ihre Verantwortung ein. "Auf den Straßen herrscht Angst. Die Menschen sind verunsichert. Da ist es normal, dass die Emotionen hochkochen." Okan, Enrico und Tino sollten mit Liebe, Geduld und Weisheit reagieren. Ein silberner Transporter fährt vor, mit allem an Bord, was für den Infostand benötigt wird. Das Infomaterial wird aus der Frankfurter Zentrale der Ahmadiyya-Gemeinde angeliefert, der alle drei angehören. Sie steigen ein.

Tino erzählt, wie er zum Islam gekommen sei: Der mittelgroße, stämmige Mann mit dunkelbraunem Bart behauptet, er habe an einem frühen Februarmorgen im Jahr 2009 das erste Mal vor der Khadija Moschee gestanden – ohne zu wissen, was ihn dorthin gebracht habe. "Ich habe mich gewundert, dass ich bereits angezogen war, als ich aufgewacht bin. Ich hatte einen enormen Drang aufzubrechen und spürte eine mächtige Hand über meinen Kopf und meinem Körper, die mich zur Moschee führte." Vorher war er Hippie, Sprayer, Gangmitglied und Rapper, immer auf der Suche nach Glück, wie er sagt.

Das vereint alle drei: Sie alle haben in verschiedenen anderen, teilweise extremen Szenen nach Anerkennung und Sinn gesucht, bevor sie sich dem Islam zugewandt haben. Tino und Enrico sind Konvertiten. Okan nicht, aber auch er hat nach der passenden Gemeinde gesucht. Er erzählt während der Fahrt: "Ich war bereits Muslim, habe jetzt aber den von dem Heiligen Propheten Mohammed prophezeiten Mahdi und Messias erkannt." Das heißt, er ist 2002 zur Gemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat gestoßen. Deren Anhänger glauben an Mirza Ghulam Ahmad aus Qadian (Nordindien), der gegen Ende des 19. Jahrhunderts für sich beanspruchte, die spirituelle Wiederkunft von Jesus zu sein und damit der verheißene Reformer aller Weltreligionen. Für diesen Anspruch verdammen orthodoxe muslimische Führer diese Gemeinschaft bis zum heutigen Tage. Ahmadis gehören einer messianischen Reformbewegung an, die ihre Aufgabe darin sehen, den Islam von den "Verkrustungen und Irrungen" der letzten Jahrhunderte zu befreien.

Tino und Enrico schlafen während der Fahrt ein. Okan spricht vom Osmanischen Reich, dem Genozid an den Armeniern und über Claudia Roth. Der Umgang mit der Türkei in Medien und Politik stört ihn: "Erdoğan ist kein Islamist. Er lockert nur eine islamfeindliche Gesetzgebung auf, die Gläubige denunziert und Fromme in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt hat." Die ungerechte Berichterstattung würde ihn in seiner Loyalität zu Deutschland schwächen. Okan, dem man seine türkische Herkunft nur schwer ansieht, gilt in seinem Heimatland als Exot. "Meine Generation weiß: wir Türken werden hier nie ankommen, solange man uns nicht als vollwertige Bürger dieses Landes akzeptiert." Langsam beruhigt er sich und fokussiert sich auf die heutige Aktion.

Dresden erscheint am Horizont und Tino und Enrico sind wieder wach. Enrico ist aufgeregt. Er erinnert sich an seine Zeit als rechtsradikaler Hooligan, zum Beispiel an die "dritte Halbzeit": eine Schlägerei zwischen zwei verfeindeten Gruppen und Jagdszenen mit der Polizei. Es sei ihm weniger um die Ideologie gegangen, er wollte vielmehr Anerkennung bekommen, sagt er. Aber auch der Gewaltexzess habe eine große Faszination ausgeübt. Hinter allem stand die Angst vor Nähe, glaubt er heute. "Wir und die anderen waren ja im Grunde genommen Brüder im Geiste. Hätte man sich kennengelernt und zusammen ein Bierchen gesoffen, dann hätte man sich doch niemals gegenseitig weh tun können." Vor seiner spirituellen Kehrtwende tauchte Enrico noch in unterschiedlichste andere Szenegruppen ein. Er war Rechter, Punk, Kiffer, Gruftie, Rocker, Hip-Hopper, Breakdancer und Raver. Im Islam fühlt er sich nun "angekommen" und doch wie als Reisender vom Glauben zur Gewissheit, bemerkt er.