Vater Wasyl, der im Allgemeinen auf Gott vertraut, hat sich beim Autofahren zwei irdische Vorsichtsmaßnahmen angewöhnt. Seit der Krieg durch seine Stadt gezogen ist, fährt er so schnell wie möglich, und er schnallt sich nicht an. Langsame Autos sind leichter in Brand zu schießen, aus brennenden kommt man ohne Gurt schneller raus, deshalb rast nun durch die Nacht von Kramatorsk ein roter Lada Niva, dessen Fahrer über dem Priestertalar ein Kreuz trägt, aber keinen Gurt.

Der Niva, ein sowjetischer Geländewagen, ist bereits das zweite Auto, das Wasyl Iwanjuk, 48, durch diesen Krieg steuert. Das erste hat er ausgetauscht, nachdem es im letzten Frühjahr, als Kramatorsk vorübergehend den ostukrainischen Separatisten in die Hände fiel, wiederholt beschossen worden war. Irgendjemand, glaubt Vater Wasyl, hatte den Schützen zugeflüstert, dass da kein Orthodoxer am Steuer sitzt, sondern ein Katholik, ein Zugezogener aus dem Westteil des Landes, der lieber Ukrainisch spricht als Russisch, einer von der Sorte, die die Separatisten zu ihrem Feindbild erklärt haben.

Vater Wasyl könnte weggehen aus der umkämpften Donbass-Region, zurück in seine alte Heimat, die Stadt Lwiw am anderen Ende des Landes, wo einer wie er weniger auffiele. Er wäre nicht der Einzige, den der Krieg vertriebe, in den frontnahen Regionen der Ukraine sind derzeit viele auf der Flucht, noch mehr sind unsicher, auf welcher Seite der Waffenstillstandslinie sie ihre Zukunft sehen. Die weltanschaulichen, sprachlichen, nationalen und religiösen Unterschiede, mit denen die Menschen hier lange gut leben konnten, hat der Krieg verschärft und zugespitzt, sie haben reale Grenzen geschaffen, an denen das Land sich nun scheidet.

Vater Wasyl aber will bleiben. Erst recht seit jenem Tag während der Besatzung im Frühjahr, als er an einer Straßensperre von bewaffneten Separatisten aus dem Auto gezerrt wurde. Irgendjemand hatte ihn als "ukrainischen Nationalisten" angeschwärzt, er blickte in einen Gewehrlauf, hörte Todesdrohungen. "Ja, ich bin Ukrainer", antwortete er den Männern. "Aber ich lebe seit 23 Jahren im Donbass, ich habe hier sechs Kirchen gegründet, zwei Häuser gebaut und vier Kinder großgezogen. Wer von euch mehr geleistet hat, der soll mich erschießen." Die Männer schwiegen einen Moment. Dann senkten sie den Gewehrlauf, entschuldigten sich und ließen Vater Wasyl ziehen.

Es riecht nach Socken und Zwiebeln

So kommt es, dass einer, der bleiben will, nun denen hilft, die weggehen mussten. Neben seinen sechs Gemeinden leitet Vater Wasyl die örtliche Caritas-Vertretung, er steht Menschen bei, die aus dem Kriegsgebiet auf die ukrainische Seite der Front geflohen sind. Knapp 40.000 sind allein in der Stadt Kramatorsk untergekommen. Ganz genau kenne niemand die Zahlen, sagt Vater Wasyl, weil viele Männer sich am neuen Wohnort nicht registrieren ließen, aus Angst, zum Militärdienst eingezogen zu werden und an der Front alten Nachbarn und Freunden oder gar zurückgebliebenen Familienmitgliedern gegenüberzustehen.

Insgesamt sind nach UN-Angaben inzwischen etwas mehr als eine Million Menschen innerhalb der ukrainischen Landesgrenzen auf der Flucht, weitere 700.000 sind ins Ausland gegangen, die meisten von ihnen nach Russland. Wer Schuld an dieser Tragödie trägt? "Ich kann es nicht sagen", antwortet Vater Wasyl. "Jeder hier hat eine andere Wahrheit." Er hört sie täglich, diese Wahrheiten, wenn er mit seinem Niva zwischen den Flüchtlingsunterkünften unterwegs ist, um in Erfahrung zu bringen, wo Medikamente fehlen und wo Kleidung, wer seelischen Beistand braucht und wer Lebensmittel.

Der Niva bremst vor einem dreistöckigen Wohnheim, dessen Räume dicht mit Betten vollgestellt sind, es riecht nach Socken und Zwiebeln. Das Zimmer, das sich im zweiten Stock Marina und Oleg Platonow mit ihrem 15-jährigen Sohn Artjom und einer Nachbarin teilen, ist gerade groß genug für drei Liegen und einen Fernseher. Die Platonows sind aus Pisky geflohen, einem Dorf in der Nähe des zerstörten Donezker Flughafens. Beschossen, sagt Marina Platonowa, habe die ukrainische Armee das Dorf, nachdem die Separatisten zwischen den Wohnhäusern ihre Waffen postiert hatten. Die Wohnung der Platonows geriet im Dezember unter Beschuss, das Ehepaar floh gemeinsam mit Marinas alter Mutter, die kurz nach der Ankunft in Kramatorsk einen Herzinfarkt erlitt, sie ist zur Genesung in einem anderen Teil des Gebäudes untergebracht.

"Ich bin für keine Seite", sagt Marina Platonowa, eine kleine Frau von 37 Jahren, die in Pisky als Köchin gearbeitet hat. "Niemand versteht, wofür da gekämpft wird." Erst als sie beim Erzählen von den Schrecken des Krieges zunehmend in Wut gerät, legt sie sich darauf fest, dass sie nicht nach Pisky zurückkehren will, solange der Ort zur selbsterklärten "Volksrepublik" der Separatisten gehört. "Nach allem, was dort geschehen ist, will ich lieber in der Ukraine leben." Ihr Mann Oleg starrt währenddessen auf den laufenden Fernseher, er sagt kein einziges Wort. Dass er seiner Frau zuhört, lässt sich allein an seinen mahlenden Kieferknochen erraten.