An diesem Montagnachmittag liegen die Tore Wiens am Rande der Dresdener Innenstadt, auf einer Wiese an der Elbe. Und wer das bestreitet, der ist hier jetzt falsch, der hat es einfach nicht verstanden.

Die Flutrinne ist ein flaches, weitläufiges Gelände mit Sportplätzen und viel Grün, auf dem nun an diesem Montagnachmittag sorgfältig ein Rechteck eingezäunt ist. So, als dürfe da jetzt niemand mehr drauftrampeln, damit das Gras besser wächst. Eine Schutzzone. Es trampeln aber viele drauf, und wenn etwas wächst in diesem Rechteck, dann ist es Wut. Eine Wutzone. Am Rande steht ein kleiner Junge und summt schon mit heller Kinderstimme vorfreudig vor sich hin: "Lügenpresse, Lügenpresse…"

Pegida hat geladen, zur 23. "Großen Kundgebung". Es ist ihr Versuch, sich noch einmal hochzuziehen aus der Versenkung, im Gespräch zu bleiben. Mehrmals hatte Organisator Lutz Bachmann den Termin nach hinten verschoben, nun ist es soweit. Zum ersten Mal haben sie eine echte, große Bühne aufgebaut statt des kleinen weißen Transporters, auf dem die Redner immer ein wenig wirkten, als wollten sie von der Ladefläche Gemüse verkaufen und nicht ihre Ressentiments. An der Bühne hängen riesige Boxen, links daneben haben sie eine riesige Leinwand aufgebaut. Muss teuer gewesen sein. Und rechts neben der Bühne steht, tatsächlich, der Transporter einer Firma für Isoliertechnik.

Isoliertechnik ist auch das Fach des Geert Wilders. Er ist Profi im luftdichten Verschweißen "unserer jüdisch-christlichen Kultur" gegen äußere Einflüsse. Mit seiner "Partei für die Freiheit" kämpft er aus dem niederländischen Parlament gegen alles Fremde im Allgemeinen und gegen den Islam im Speziellen. Vor zwei Wochen zum Beispiel war Wilders in Wien, also im echten, österreichischen, und jubelte: "Wir werden die Tore Wiens immer verteidigen. Wir werden unsere Grenzen immer verteidigen. Wir werden unsere Freiheit immer verteidigen. Wir werden den Islam besiegen!"

Im Rechteck gibt es Applaus für Wilders

Als Teil dieses Verteidigungskampfes ist Wilders nun also in den Niederlanden in ein Flugzeug gestiegen, mit Rückenwind nach Dresden geflogen und hat sich dann auf das mit wütenden Menschen schon gut gefüllte Wiesenrechteck in der Flutrinne fahren lassen. Nun schreitet er auf die Bühne, hinauf zu Bachmann, der sich für den Gast schick gemacht und seinen obligatorischen Anorak gegen Anzug plus Krawatte getauscht hat. Wilders, im Dreiteiler und mit weißer Mähne ein Vexierbild aus Julian Assange und Fritz J. Raddatz, greift also zum Mikro und sagt: "Es ist eine Ehre für mich, hier heute für Euch zu sprechen." Er wisse ja, wie schwierig es gerade in Deutschland sei, patriotisch zu sein, und weil sie, also die Pegidisten, es trotzdem wagen, sagt Wilders: "In meinen Augen seid Ihr alle Helden". Großer Applaus im Rechteck.

Was zu sehen ist: viele Deutschlandfahnen natürlich und fast ebenso viele mit einem schwarzen, gelb umrandeten Kreuz vor rotem Hintergrund. Schaute man nicht genau hin, konnte man die Fahne gerade an den dunklen Dresdner Pegida-Winterabenden lange für die norwegische halten. Doch beim schwarz-rot-goldenen sogenannten Philippuskreuz handelt es sich um die Flagge, die sich einst Adolf Hitlers Gegner ausgedacht hatten. Jene Gruppe um Stauffenberg, die am 20. Juli 1944 versuchte, Hitler zu töten, und schon die Zeit danach geplant hatte. Es war der Christdemokrat Josef Wirmer, der die Kreuz-Flagge in den deutschen Farben für die Nach-Hitler-Zeit entworfen hatte. Nun weht die Flagge der Hitler-Gegner in den Händen der Islamisierungsgegner. Und Wilders sagt: "Wir sind heute hier in der Tradition von Kant, Schiller und Stauffenberg."

Das sind die wehrlosen Kronzeugen für Wilders' Entwertungsrhetorik. "Unsere eigene Kultur ist ja die beste Kultur", sagt er, als verstünde sich das sowieso von selbst, "und Einwanderer müssen unsere Werte annehmen und nicht andersherum". Weil das Fremde nicht fremd sein darf.