Misstrauen gegen alles Etablierte hat die Partei groß gemacht, das Misstrauen frisst sie jetzt von innen auf. Bernd Lucke, lange Zeit unangefochtene Führungsfigur der AfD, will die Macht nicht mit seiner parteinternen Rivalin Frauke Petry teilen. Die sächsische AfD-Chefin, die lange auf einen Kompromiss mit dem eigenwilligen Professor gesetzt hatte, hat ihm nun ihrerseits den Stuhl vor die Tür gestellt. Die Gründung von Luckes parteinternem Verein Weckruf2015 sei parteischädigend, sagt Petry. Petry treibe nur die Erfüllung ihres persönlichen Ehrgeizes an, kontert Lucke.

Das gilt allerdings mindestens ebenso sehr für Lucke selbst. Hier der liberale, bürgerlich-seriöse Lucke und seine Getreuen, da die Ultrakonservativen, die die AfD als trojanisches Pferd für ihre rechten Umtriebe missbrauchen, so etwa ging Luckes Erzählung in den letzten Monaten. Doch der Parteigründer hat wie Goethes berühmter Zauberlehrling die Kräfte selbst ordentlich ermuntert, derer er nun nicht mehr Herr wird. Nur rund zehn Prozent der AfD-Mitglieder haben seinen Weckruf bislang unterzeichnet, im Bundesvorstand wurde die Initiative gerügt, eine heftige Niederlage für Lucke, der die Partei immer im Wortsinne als seine Partei begriffen hat.

Doch um rechts oder links ging es nur sehr eingeschränkt bei dem Streit, der die AfD seit Wochen lähmt und nun zerreißt. Inhaltlich verbindet Lucke mehr mit Petry als die beiden trennt. Und während die sogenannten Liberalen ihren Gegnern vorwerfen, die Partei nach rechts zu rücken und zu entbürgerlichen, war von den angeblichen Konservativen umgekehrt nie der Vorwurf zu hören, Lucke führe die Partei zu sehr nach links. Bürgerlich ist für Lucke, der sich seine Klappstullen gerne selbst mitbringt, ohnehin weniger eine Frage der inneren Haltung, sondern des strategischen Potenzials.

Petry und ihr Unterstützer Alexander Gauland glauben, dass die AfD auch die "kleinen Leute" (wie sie sagen) ansprechen müsse, um mehrheitsfähig zu werden. Vor allem nach dem Wahlkampf in Hamburg, bei dem die AfD betont bürgerlich auftrat und hinter den Erwartungen zurückblieb. Dabei sind sie bereit, die Grenze dessen, was politisch akzeptabel ist, sehr großzügig auszulegen, nach rechts, im Zweifel aber auch links. Lucke und sein Mitstreiter Hans-Olaf Henkel hingegen glauben, dass die AfD die Zustimmung der CDU und FDP-Sympathisanten einbüßt, wenn sie zu weit nach rechts blinkt. Es geht bei dem Streit also um strategische Fragen: Wie viel Systemkritik darf es sein, wie viel Protest und wie viel Opposition?  

Und es geht um große Egos und um die Frage: Wo endet der Individualismus in einer Partei, die ihre Daseinsberechtigung aus der Abgrenzung schöpft und wo beginnt der Sezessionismus?

Im Februar verzichtete Petry noch auf eine Machtprobe

Auf ihrem Parteitag im Februar hat die Partei versucht, all die Widersprüche und konkurrierenden Machtansprüche mit einem Kompromiss zuzudecken, der von vornherein eine Farce war: Bis zum Parteitag Ende des Jahres sollte die Partei statt wie bisher von drei von zwei Sprechern geführt werden, ab dann nur noch von einem Vorsitzenden. Für Lucke, der andere gerne darauf hinweist, dass sie erst einmal gewählt werden müssten, stand außer Frage, dass das nur einer sein könnte: er selbst. Dieser Machtanspruch, nicht seine Anschauungen, war es, der seine Gegner provozierte. Doch damals waren auch sie noch von der Unersetzlichkeit Luckes überzeugt. Petry verzichtete auf eine Machtprobe, obwohl sie ganz offensichtlich einen großen, wenn nicht den größten Teil des Parteitagspublikums für sich einnehmen konnte.

Seither übte sich Lucke in organisatorischen und gedanklichen Vorbereitungen seiner Regentschaft und Petry sammelte Truppen. Der nordrheinwestfälische Landesvorsitzenden Marcus Pretzell etwa wäre vor einigen Monaten durchaus für ein Bündnis gegen Petry zu haben gewesen. Lucke bekämpfte ihn als Konservativen. Inzwischen tritt Pretzell bei Veranstaltungen als Liberaler auf und steht fest an Petrys Seite.