Es war vor über einem Jahr, in der Parteitagshalle in Aschaffenburg, als der heutige AfD-Europaabgeordnete Joachim Starbatty auf der Bühne die Arme ausbreitete und rief: "Ich bin froh, dass es die Flügel gibt. Eine Partei, die nur das sagt, was ich sage, ist langweilig. Aber sie müssen miteinander schlagen, nicht gegeneinander." Die Mitglieder dankten Starbatty mit einem Torjubel und dem besten Wahlergebnis des Parteitags.

Vorbei. Es ist kaum einer mehr da, der zwischen den verkämpften Lagern dieser Partei moderieren wollte. Schon gar nicht Starbatty. Der gehört heute zu den Gemäßigten um Parteichef Bernd Lucke, die offen mit dem Austritt drohen, sollten sie auf dem Parteitag in Kassel den Nationalkonservativen unterliegen.

Mit seinem Weckruf 2015 hat Lucke eine Partei in der Partei gegründet, eine Organisation, die er jederzeit von der Hauptpartei sezieren kann. Ein so spektakuläres Manöver gab es in der deutschen Parteipolitik lange nicht zu sehen.

Kein Raum für Kompromisse

Die Mail, die Lucke und Gefährten gestern Abend an die Mitglieder sandten, sagt viel über eine Partei, deren liebster politischer Topos die Verschwörung ist. Die Weckruf-Initiatoren raunen von "Machenschaften in internen Zusammenkünften und Zirkeln", in denen eine Machtübernahme vorbereitet werde. Das normale Mitglied werde "bewusst in Unkenntnis der Bedrohung" gehalten, die daraus entstünde. Mit anderen Worten: Die Feinde sind unter uns. Sie sind Karrieristen, Intriganten oder Neue Rechte; keinesfalls kann man mit ihnen Kompromisse schließen.

Es spricht nach dieser Aktion nicht mehr viel dafür, dass die AfD in ihrer jetzigen Form bestehen bleibt. Lucke hat ein Ausstiegsszenario entwickelt, das Eigendynamik gewinnen wird. Auch weil er keinen Raum für einen Kompromiss gelassen hat. Entweder die Nationalkonservativen fügen sich, oder Lucke und seine Anhänger gehen. Der Parteichef will einen Siegfrieden. Aber selbst wenn er sich auf dem Parteitag durchsetzt: Die vielen nationalkonservativen Mandatsträger werden nicht einfach verschwinden.

Der AfD könnte nun das passieren, was rechten Parteien schon so oft geschehen ist: Sie scheiterten an der Eitelkeit und Paranoia ihrer Führungskräfte. Doch ist eine rechtspopulistische Partei im Bundestag damit unwahrscheinlich geworden?