Sein Rücktritt ist eine Überraschung, für viele in der Bremer SPD, aber vor allem auch für die Genossen in der Bundespartei: Trotz nur Stunden zuvor gewonnener Landtagswahl will Bürgermeister Jens Böhrnsen nicht mehr Regierungschef  sein. Das teilte er am Montag um die Mittagszeit dem konsternierten SPD-Landesvorstand mit.

"Als Spitzenkandidat der SPD übernehme ich selbstverständlich Verantwortung für das enttäuschende Wahlergebnis für meine Partei", schreibt der 65-Jährige in einer kurzen Erklärung. Durch seinen Rücktritt wolle er ermöglichen, dass "die SPD durch eine personelle und inhaltliche Neuaufstellung die politischen Weichen für ein besseres Ergebnis bei der nächsten Bürgerschaftswahl 2019 stellen kann". Ein Nachfolger aber steht nicht bereit. Auch deswegen sprechen manche von einem "Erdbeben" für das kleine Bundesland, das plötzlich kopflos dasteht.

War das Wahlergebnis wirklich so enttäuschend? Aus der Ferne wirkt eine solche Analyse des obersten Bremer SPD-Wahlkämpfers überraschend. Rund 33 Prozent der Stimmen hat die SPD bei der Bürgerschaftswahl am Sonntagabend geholt. Die endgültigen Zahlen werden wegen des komplizierten Wahlsystems erst am Mittwoch vorliegen, doch klar ist: Dasselbe Ergebnis für die SPD bei einer Bundestagswahl – und Parteichef Sigmar Gabriel hätte eher eine Flasche Champagner geköpft, als an Rücktritt zu denken. Der Fortbestand der rot-grünen Regierung in Bremen ist nach bisherigen Auszählungen ebenfalls gesichert – auch wenn die Mehrheit wegen Verlusten bei SPD und Grünen kleiner geworden ist, als sie vor einigen Jahren noch war. Alles nicht unbedingt ein Grund hinzuwerfen.

Keine Themen, keine Konfrontation

In Bremen, wo seit fast 70 Jahren die SPD und seit knapp zehn Jahren Böhrnsen regiert, deutet man das Wahlergebnis hingegen ganz anders. Dort sind 33 Prozent schlicht: das schlechteste Ergebnis seit 1946. Die Verluste werden im Vergleich zur Wahl 2011 gesehen: rund sechs Prozentpunkte. Und dann ist da noch die geringe Beteiligung: Nur jeder zweite Bremer ging wählen. Viele glauben, dass Böhrnsen und sein ruhiger, themen- und konfrontationsarmer Wahlkampf daran nicht ganz unschuldig sind.

In den vergangenen Monaten, so erzählte die Opposition gern im Wahlkampf, aber so erlebten es auch Beobachter, hatte Böhrnsen noch weniger enthusiastisch gewirkt als zuvor. Ein TV-Duell mit seiner kämpferischen CDU-Herausforderin Elisabeth Motschmann lehnte er ab, wohl aus Angst, ihr zu viel Auftrieb zu verschaffen.

Ende April bei einer der wenigen Wahlkampfveranstaltungen mit allen Spitzenkandidaten in der Bremer Schwankhalle wirkte er, der extra von Gesprächen über den Länderfinanzausgleich in Berlin herbeigeeilt war, seltsam abwesend bis genervt. Die bewusst sehr naiv gehaltene Frage des Moderators danach, was Böhrnsen als Bürgermeister eigentlich den ganzen Tag so mache, beantwortete der SPD-Mann damals damit, er sitze viel in Cafés und arbeite sonst Akten ab. Das war nicht die einzige unglückliche Äußerung an diesem Abend. Dabei wird Böhrnsen durchaus Fleiß nachgesagt und angesichts der schwierigen Finanzlage der Hansestadt auch keine schlechte Regierungsbilanz.