So unterschiedlich die Analysen nach der Wahl in Bremen auch ausfielen: In einer Hinsicht waren sich Politiker aller Parteien einig: Die hohe Zahl der Nichtwähler ist ein Problem für die Politik. Nur mehr jeder zweite Wahlberechtigte hatte am Sonntag seine Stimme abgegeben. Die andere Hälfte blieb zu Hause.


In Bremen sei eben vor der Wahl der Eindruck entstanden, es sei eh schon alles klar, lautete anschließend ein gängiges Erklärungsmuster für das Desaster. Es habe an politischer Zuspitzung gefehlt, ein anderes. Doch die sinkende Wahlbeteiligung ist kein Bremer Kuriosum. Klagen über die hohe Zahl der Nichtwähler gehören mittlerweile vielmehr zum festen Bestandteil fast jeder Wahlberichterstattung. Kein Wunder: Schließlich bedroht die Wahlverweigerung vieler Bürger zunehmend die Legitimation von Politik.

Vom Arbeiterquartier zum Problemviertel

Im europäischen Vergleich kommt Deutschland hier eine unrühmliche Vorreiterrolle zu: Zwischen 1983 und 2009 sank die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen um 18,3 Prozent. Während 1983 noch rund 89 Prozent der Wahlberechtigten auch den Weg an die Urnen fanden, waren es 2009 nur noch etwas über 70 Prozent. Nur in Portugal war der Rückgang noch dramatischer.

Doch wo finden sich nun die Nichtwähler? Wer sind die Leute, die von ihrem Stimmrecht keinen Gebrauch mehr machen?

In einem sind sich alle Untersuchungen, die sich mit dem Phänomen des Nichtwählers beschäftigt haben, einig: Keinesfalls repräsentiere der Wahlabstinente einen Querschnitt der Gesellschaft. Vielmehr gelte, je niedriger die Bildung, je geringer das Einkommen und je auswegloser die eigene Situation, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Betreffenden bei Wahlen lieber zu Hause bleiben.

Der hochpolitische Prolet ist Geschichte

Selbstverständlich war dies nicht immer so. Der berufsstolze, bildungsbeflissene und zukunftsoptimistische Industriearbeiter war zwar nach den gängigen soziologischen Kriterien ein Angehöriger der Unterschicht, doch zugleich ein hochpolitischer Prolet und pflichtbewusster Wähler, eingebunden in ein soziales Umfeld, in dem politische Beteiligung ganz natürlich zum Ethos gehörte. So lag in Bremen beispielsweise die Wahlbeteiligung in den Wohngegenden der Geringverdiener und Arbeitslosen 1983 noch bei fast 90 Prozent.

An die Stelle der politisierten Arbeiterquartiere traten die postindustriellen "Problemviertel" und "sozialen Brennpunkte". Die hier lokalisierte "neue Unterschicht" wurde zum Synonym für räumliche Abgrenzung, soziale Exklusion und politische Apathie.

Demokratie der Wohlsituierten

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigte 2013 den Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und Lebensstilen auf der einen sowie der Wahlbeteiligung auf der anderen Seite. Der weitaus größte Teil der Nichtwähler, so ein Ergebnis der Untersuchung, entstamme den Milieus der sogenannten Prekären und Hedonisten. Beiden Gruppen sei gemein, dass sie nur über kleines Einkommen und geringe Bildung verfügen.

Von der wohlhabenden und saturierten Mehrheit fühlen sie sich ausgeschlossen, dem Aufstiegsversprechen der Gesellschaft schenken sie keinen Glauben mehr. Bei den Prekären führe dies zu einer "reaktiven Grundhaltung" und einem dominierenden Gefühl der Zukunftsangst, wohingegen die Hedonisten das Hier und Jetzt expressiv erlebten, leistungsethische Maximen verneinten und ihr Leben stattdessen an Konsum und Spaß orientierten.