Eine Begegnung in der Straßenbahn, es ist Sonntagmittag und Bremen wählt einen neuen Landtag – theoretisch. Denn laut Landeswahlleiter haben erst 14 Prozent der Einwohner ihre Stimme abgegeben. "Stimmt, ich muss noch", sagt eine junge Frau im sommerlichen, rosa Trägerhemd: "Ungültig wählen."  Warum das? "Ein Zeichen setzen. Das ist doch keine Demokratie, wenn man alle vier Jahre wählen lässt und alles bleibt trotzdem so wie es ist." Sie lächelt höflich.

Fast 70 Jahre regiert die SPD in Bremen, darauf spielt sie an. Sie könnte doch was für den Wechsel tun? Die Frau schüttelt ihre punkige Frisur, die Haare unter dem Pferdeschwanz sind kurz geschoren. "Nee. Die anderen sind doch auch nicht besser." Der Taxifahrer, der nach seiner Nachtschicht erst vor Kurzem aufgestanden ist, ist gar nicht erst zur Urne gegangen – "keine Zeit". Er wirkt traurig. "Habe mich nicht informiert. Und ändern tut es nichts."

Nur Stunden später, die erste Wahl-Prognose flimmert über die Bildschirme, zeichnen sich für Bremens Regierungspartei dann auch gleich zwei Negativrekorde ab. Mit 33 Prozent hat die SPD wohl das schlechteste Ergebnis seit dem Krieg eingefahren. Außerdem ist die Wahlbeteiligung nicht nur wie erwartet mau, sondern historisch niedrig: Nur jeder Zweite hat mitgemacht.

Nichtwähler sind mit 50 Prozent "Sieger" des Abends

Die ARD hat die Nichtwähler daher in eines ihrer Balkendiagramme einbezogen: Sie sind mit mehr als 50 Prozent die "Sieger" des Abends, die stärkste Kraft. Und die SPD? Umgerechnet auf alle 487.000 Bremer, die ihre Stimme abgeben durften, wurde sie sogar nur von 14 Prozent gewählt.  

Bürgermeister Jens Böhrnsen will daher gar nicht mehr vertuschen, dass dies ein "bitterer Wahlabend" ist. Später als angekündigt tritt er vor seine Wahlkämpfer, die ihm tapfer zuklatschen: "Immerhin, wir lagen zehn Prozent über den anderen." Gemeint ist die CDU, die auf rund 23 Prozent der Stimmen kam.

Für ihre Party hat sich die SPD die Ständige Vertretung ausgesucht, eine Kölsche Bierkneipe in Bremens historischer Böttcherstraße und Ableger des berühmten Berliner Polittreffs. Doch bundespolitische Geschichte wird hier heute nicht geschrieben. SPD-Chef Sigmar Gabriel, eigentlich als Siegesredner angekündigt, findet gar nicht seinen Weg in das biergeschwängerte Lokal. Da wirken die knallroten Gummibärchen-Tüten – "Miteinander bärenstark werden" –, die hier überall auf den Tischen liegen, wie aus der Zeit gefallen.

"Alkoholfreies Bier, der Stimmung entsprechend"

Tatsächlich ist eine Wiederauflage von Rot-Grün diesmal ganz schön eng, ersten Prognosen zufolge hat das Bündnis nur eine hauchdünne Mehrheit von einem Sitz. "Ich nehme ein alkoholfreies Bier, der Stimmung entsprechend", sagt ein Genosse zu seinem Begleiter. Und ein anderer mit SPD-roter Lederjacke versucht sich die Lage schön zu reden: "In einer knappen Koalition sind wir gezwungen, die Dinge besonders gut zu machen."

Karoline Linnert, die Spitzenkandidatin der Grünen, wirkt an diesem Abend unerschütterlich, aber auch ziemlich abgeklärt. Vielleicht hat sie geahnt was kommt, ihre undankbare Aufgabe war es, als Finanzsenatorin Wahlkampf zu machen. Also als die, die im hochverschuldeten Bremen Wohltaten verbietet, weil sie Geld kosten. "Das war ein anstrengender, aufreibender Wahlkampf", sagt sie schon kurz nach 18 Uhr zu ihren Anhängern. Rund 15 Prozent haben die Grünen laut Prognosen erreicht, acht Prozent weniger als noch 2011, aber das war kurz nach dem Atomunglück in Fukushima. Kein tolles Ergebnis diesmal also, aber auch kein desaströses. "Wir hätten radikalökologischer denken sollen", sagt einer auf der grünen Wahlparty, der schon tief ins Glas geschaut hat. Doch linke Positionen seien immer schwer, wenn kein Geld da sei.

Spitzenkandidatin Linnert treibt vor allem die niedrige Wahlbeteiligung um. "Offenbar haben die Wähler gedacht, es ist schon alles gelaufen", sagt sie im Fernsehen. Auch SPD-Bürgermeister Böhrnsen stellt es so dar. Vielleicht müssen beide das sagen, denn tatsächlich gab es offenbar keine Wechselstimmung in Bremen. Es gibt aber auch eine Menge Frust: Eine hohe Arbeitslosigkeit, schlechte PISA-Ergebnisse, viel Armut, vor allem unter Kindern und Jugendlichen. Und kein Geld für gar nichts.