Ein wichtiger Amtsträger mit Ohrring, das war manchen in der baden-württembergischen CDU von Anfang an eine Warnung gewesen. Als der Ohrringträger Andreas Renner, Sozialminister im Kabinett Günther Oettingers, im Sommer 2005 dann auch noch die Schirmherrschaft über die Schwulenparade Christopher Street Day in Stuttgart übernahm, da sahen viele Skeptiker in der Partei ihre Befürchtungen bestätigt: Renner, ein Hallodri. Zum Eklat kam es aber erst, als Renner auch noch mit dem katholischen Bischof Gebhard Fürst aneinander geriet. Dieser solle doch selbst erst einmal Kinder zu zeugen – antwortete er dem Kirchenmann, nachdem er von diesem getadelt worden war. Der Bischof machte das öffentlich, und der Minister musste gehen.

Zehn Jahre ist das jetzt her, und schon damals gab es eigentlich zwei christdemokratische Parteien im Südwesten: eine große, ländlich geprägte und im christlichem Glauben verwurzelte und eine kleine, die vor allem in den Städten saß und darüber grübelte, wie ihre CDU jünger und weiblicher werden könnte. Das vorläufige Fazit ist, dass die Gruppe der Modernisierer ihre schwache Position bisher keinen Deut verbessern konnte.

Die Abstimmung im katholischen Irland zur Gleichstellung von Homosexuellen hat die Gespaltenheit der baden-württembergischen CDU wieder sehr deutlich gemacht. Kaum dass die deutsche Debatte darüber begonnen hatte, was das Irland-Votum auch hierzulande bedeuten könnte, schaltete sich der dortige CDU-Landesvorsitzende ein, der zugleich stellvertretende Bundesvorsitzender ist, und erteilte allen Gedankenspielen zur vollen Gleichstellung der Homo-Ehe eine Absage. "Wir sollten uns an unsere Verabredungen halten", sagte Thomas Strobl mit Verweis auf den Koalitionsvertrag.

Dabei ist Strobl, der sich jetzt so traditionsfest gibt, im Grunde auch einer aus der baden-württembergischen Modernisierer-Ecke. Noch bis vor Kurzem hatte er sich mit dem Landtagspräsidenten Guido Wolf parteiintern um den Posten des Kandidaten fürs Ministerpräsidentenamt duelliert. Dabei inszenierte er sich als Kenner des Berliner Parketts und Erneuerer überkommener Denkstrukturen, auch was die Homo-Ehe anbelangt. Im Interview mit der Stuttgarter Zeitung sagte Strobl Anfang Februar zum Beispiel: "Der christliche Demokrat freut sich darüber, wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, wenn Sie ein Leben lang füreinander da sein wollen. In welcher Form sie das tun, spielt nicht primär eine Rolle. Deswegen bin ich auch zu dem Ergebnis gekommen, dass man nicht- eheliche Lebensgemeinschaften steuerlich nicht diskriminieren darf."

Weit weg vom Berliner Glamour

Lange ist das nicht her. Doch bekanntlich hat Strobl den Kampf um die Kandidatur gegen Guido Wolf verloren. Mit dem Ex-Landrat aus dem beschaulichen Tuttlingen an der Spitze will die Südwest-CDU nächstes Frühjahr dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann die Macht wieder entreißen. Die große Mehrheit der schwarzen Schwaben-Partei, so lässt sich's lesen, will in ihrem Innersten weder Berliner Glamour noch verdächtige liberale Ideen. "Die CDU kann mit dem Thema Homo-Ehe keinen Blumentopf gewinnen", kommentiert auch der Konstanzer Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel.

Aber ob die Partei mit ihren alten Glaubenssätzen jemals wieder an die Mehrheitsverhältnisse früherer Wahlen wird anknüpfen können, wie sie es gerne hätte, das steht sehr infrage. Der Frauenanteil im Landesverband dümpelt bei um die 20 Prozent, Bewerberinnen um höhere Ämter gibt es kaum, und wenn doch, dann gibt's Probleme mit den macht- und traditionsbewussten Herrenriegen.

Als der siegreiche MP-Kandidat Guido Wolf den Fraktionsvorsitz im Landtag übernahm und das Amt des Landtagspräsidenten abgab, wählten seine Parteifreunde zum Nachfolger den 56-jährigen Altabgeordneten Wilfried Klenk anstelle seiner Mitbewerberin, der früheren CDU-Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch. Die Frauen-Union zürnte daraufhin, die "historische Chance" sei vertan worden, zum ersten Mal überhaupt im Südwesten eine Frau an die Parlamentsspitze zu bringen.