1981: Ein Mann gibt ein Heftchen namens PädoPower heraus und lässt sich als Kandidat des Grünen-Vorläufers Alternative Liste für das Berliner Abgeordnetenhaus aufstellen. Zeitgleich sitzt er wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern im Gefängnis.

1993: Ein anderer Mann ist bereits mehrfach wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft, als er den Gesprächskreis Jung und Alt der Alternativen Liste ins Leben ruft. Der lädt zum Zelten am Müggelsee und zu Butterfahrten an die Ostsee ein.   

Die Beispiele aus dem Bericht der Aufarbeitungskommission der Berliner Grünen zeigen die Dimensionen des Skandals. Wie kein anderer Landesverband haben die Berliner Grünen in ihrer Gründungsphase und bis weit danach Pädophilen Raum für ihre Thesen von der "einvernehmlichen Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern" gegeben. Selbst verurteilte und aktive Pädosexuelle ließen sie in ihren Reihen gewähren. Das war bis in die neunziger Jahre hinein möglich, selbst als der Mainstream innerhalb der Partei schon längst auf den Schutz von Kindern pochte und solche Positionen im Bundesverband geächtet waren. 

"Wir schämen uns für das institutionelle Versagen unserer Partei", sagte Bettina Jarasch, Landesvorsitzende und Mitglied der Kommission Aufarbeitung, während der Präsentation der Ergebnisse am Dienstag in Berlin. "Wir möchten im Namen der Berliner Grünen um Entschuldigung bitten." 

Der vollständige Name der Aufklärungskommission lautet: Kommission zu Aufarbeitung der Haltung des Landesverbandes Berlin von Bündnis 90/Die Grünen zu Pädophilie und sexualisierter Gewalt gegen Kinder in der Gründungsphase bis in die 1990er Jahre. Doch es geht um weit mehr als nur die Haltung der Berliner Grünen, es geht auch um ihre Schuld: Zu lange habe man die Pädosexuellen gewähren lassen, und zu lange habe man mit der Aufarbeitung gewartet, schreiben die Autoren. Als 1995 die Forderung in der Partei nach legalem Sex mit Kindern als inakzeptabel galt, wurden die Programme der vorherigen Jahre einfach totgeschwiegen.

Pädosexuelle dominierten den Schwulenbereich

Bereits vergangenen November hatte die Bundespartei einen Bericht der Göttinger Forschungsgruppe um Franz Walter vorgestellt, der die Positionen der Grünen zur Pädophilie analysierte. Jetzt haben die Berliner Grünen eine beeindruckend schonungslose Analyse vorgestellt, in welchem Zeitgeist die Ideen der Pädophilen in der Alternativen Liste in Berlin Fuß fassen konnten. Der Bericht seziert, wie die starke Berliner Schwulenbewegung innerhalb der Partei gezielt von Pädosexuellen unterwandert wurde. Der Schwulenbereich ließ sich allerdings bewusst darauf ein, um mehr Gewicht innerhalb der Partei zu erlangen. Die Ablehnung von Hierarchien und Repression sowie die Betonung der individuellen Freiheit führten dazu, dass Pädophile gar die Abschaffung der Strafgesetz-Paragrafen 174 und 176 (Missbrauch von Schutzbefohlenen und Missbrauch von Kindern) weiter ungestört fordern konnten – obwohl diese Positionen im Landesverband längst nicht mehr mehrheitsfähig waren.

Die Autoren nennen drei Männer namentlich, die Parteimitglieder und verurteilte Missbrauchstäter waren. Zwei davon, die eingangs genannt wurden, sind mittlerweile verstorben. Einer von ihnen kam 1995 einem Parteiausschlussverfahren zuvor, indem er selbst austrat. Ein dritter sei wegen des Vertriebs und der Herstellung von Kinderpornografie verurteilt worden.           

Wie hartnäckig Haltungen verankert bleiben, zeigt die Geschichte des vierten Mannes. Kurt Hartmann dominierte den Schwulenbereich der Alternativen Liste nach innen und außen während den achtziger Jahren bis 1993. "Er war nach eigener Darstellung nicht pädosexuell, aber von sexuellen Erfahrungen mit einem erwachsenen Mann in der Kindheit geprägt", heißt es im Bericht. Hartmann war Mitbegründer des Treffens der Berliner Schwulengruppen und des Schwulenmagazins Siegessäule und Mitarbeiter des Schwulenmagazins magnus. Er nutzte diese Präsenz: "Er machte das Thema Pädosexualität in den verschiedenen Gremien gerade missionarisch zu seinem Schwerpunkt", schreiben die Autoren. Im Jahr 2001 trat Hartmann bei den Grünen aus, war zwischenzeitlich bei der PDS und kandidierte 2013 für die Piratenpartei für den Bundestag. Bis heute beharrt er darauf, dass es eine einvernehmliche Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern geben könne.