Wann hat zuletzt ein FDP-Politiker eine so schlichte, schöne Forderung in ein Megafon gerufen: "Herr Schäuble: Machen Sie den Geldhahn auf!" Hat ihn vor Marie-Agnes Strack-Zimmermann überhaupt jemals jemand aus dem FDP-Vorstand gerufen?

Strack-Zimmermann steht an diesem Dienstagmittag an einer unwirtlichen Kreuzung vor dem Bundesfinanzministerium und wartet auf Mitstreiter. "Stärkt die Kommunen – Demonstration für eine vernünftige Flüchtlingspolitik" heißt die Veranstaltung, die Strack-Zimmermann auf exakt fünf Minuten vor 12 Uhr terminiert hat. Früher, sagt Strack-Zimmermann, hätte sie mit ihrem Anliegen vielleicht einen FDP-Innenminister in einem der Länder angerufen. Der hätte das Thema im Bundesrat auf die Tagesordnung bringen können. Diese Zeiten sind aber erst mal vorbei.

Vor dem Ministerium finden sich nach und nach etwa 20 Liberale ein und spazieren gemeinsam zum Haupteingang. Strack-Zimmermann verteilt gelbe und pinke Schilder, auf denen "Warme Worte bauen keine Flüchtlingsunterkünfte" steht und "Flüchtlinge brauchen mehr als warme Worte". Ab und zu öffnen sich die Türen des Ministeriums – aber auch nur, wenn kleine Grüppchen Ministerialbeamter in die Mittagspause gehen. Neben den wenigen FDP-Anhängern ist auf dem Vorplatz des Ministeriums auch eine Gruppe Schüler dabei zu beobachten, wie sie den Ausführungen ihrer Lehrerin lauscht.

Und dann sammeln sich die FDP-Demonstranten und der Tross setzt sich in Bewegung: Sie gehen vor dem Finanzministerium auf und ab, die gelben und pinken Schilder über den Kopf und vor die Brust gehalten, während Strack-Zimmermann in ein Megafon ruft: "Deutschland wird sich vor seiner Verantwortung nicht wegducken!" Die pubertierende Schulklasse auf dem Vorplatz feixt über die im Kreis laufenden Erwachsenen.

Dass ausgerechnet Strack-Zimmermann mit knapp 20 Mitstreitern vor dem Finanzministerium auf- und abmarschiert, das hat viel mit der Natur der Diskussion über die Finanzierung der Flüchtlinge zu tun. Und viel mit Strack-Zimmermann selbst. Denn die Flüchtlingsdebatte verläuft einerseits eben nicht, wie sonst so oft, entlang von Parteigrenzen. Sie verläuft zwischen Bund, Ländern und Kommunen. 

Strack-Zimmermann fordert Unterstützung für die Kommunen

Andererseits ist Strack-Zimmermann nicht nur stellvertretende FDP-Vorsitzende, sondern in erster Linie auch Kommunalpolitikerin. Die 57-Jährige, die einmal Erste Bürgermeisterin von Düsseldorf war und der das Wohl der Kommunen ehrlich am Herzen liegt, ist in diesem Punkt entschiedene Pragmatikerin. Um nicht zu sagen: verkappte Sozialdemokratin. "Wir als Vertreter der Kommunen brauchen mehr Unterstützung", ruft sie. "Das ist möglich in einem so reichen Land!" Und trotzdem drucksten alle Parteien nur herum, wenn es um die Finanzierung der Flüchtlinge geht. Sogar die Grünen! "Weil mit dem Thema kein Blumentopf zu gewinnen ist", sagt Strack-Zimmermann.

Immerhin das kann der FDP derzeit herzlich egal sein. In der Politik gibt es genau zwei Währungen: Macht und Öffentlichkeit. Weil die FDP weder im Bundestag noch in einer Landesregierung vertreten ist, muss sie Aufmerksamkeit erregen. Was gar nicht so einfach ist, an einem grauen Dienstag während der Mittagszeit, wenn Lastwagen die Straße vor dem Ministerium runterbrettern und alle paar Minuten eine neue Touristengruppe das frühere Reichsluftfahrtministerium betrachtet. Immerhin: Ein paar Spanier machen Fotos des eigenartigen FDP-Aufmarsches. Ansonsten erregt die kleine Gruppe wenig Aufmerksamkeit.

Nach einer halben Stunde versammeln sich die Demonstranten noch zu einem Gruppenbild vor dem Schriftzug des Ministeriums. Dann werden die bunten Schilder wieder eingesammelt, die Teilnehmer des kleinen Aufmarschs kehren wieder an ihre Arbeitsplätze zurück.