Die FDP fordert uns also auf, unsere Mentalität zu ändern. Nicht mehr so ängstlich zu sein, Risiken einzugehen, was zu wagen, zukunftsoptimistisch zu sein. Nur "German Mut"!, rufen uns die Freien Demokraten zu.

Klingt irgendwie gut. Und irgendwie auch nicht. Klar, Parteichef Christian Lindner liegt mit seiner Diagnose nicht so falsch. Die große Koalition ruht sich aus auf dem wirtschaftlichen Wohlstand des Landes, siehe Mütterrente. Sie verschläft so manche Entwicklung – siehe Digitalisierung. Sie eiert, wo sie klare Entscheidungen treffen müsste: bei der Zuwanderung, im Umgang mit den USA in der BND-Affäre. Bei der Vereinbarung von Familie und Beruf. Mehr Mut, liebe Union und liebe Sozialdemokraten, das möchte man schon manchmal rufen.

Ein bisschen frischer Wind, weniger Ängstlichkeit, mal abweichen vom gewohnten Weg – das kann keinem schaden. Insofern liegt Lindner nicht falsch, wenn er mit seinem "German Mut" auch jeden einzelnen Bürger meint. Optimistisch, wie sich die erneuerten Freien Demokraten nun geben, wollen sie, dass gleich ein ganzer Ruck durch Deutschland geht. Am besten natürlich einer, der der FDP ganz viele neue Wähler beschert.

Die Steuer-Flat-Tax reicht nicht

Mehr "German Mut", das finden also vor allem die von der großen Koalition Enttäuschten, die Marktliberalen gut. Doch erreicht es auch andere liberale Zweifler, die doch – wie Strategen beteuern – ebenfalls vom liberalen Aufbruch erfasst werden sollen?

Eher nicht. Dazu müsste erst mal die Partei mehr Mut haben. Nicht nur eine Steuer-Flat-Tax beschließen, gegen den Mindestlohn schimpfen und mehr Bildung fordern. Dann müsste sie künftig auch das (bereits etwas ältere) Konzept der "Verantwortungsgemeinschaft" selbstbewusst promoten, das alternative Lebensentwürfe zur Familie rechtlich gleichstellt – wie zum Beispiel die Alters-WG. Dann müsste sie endlich konkret werden, wie die Freiheit in Zeiten der Digitalisierung erhalten werden kann, ohne neue Geschäftsmodelle zu verhindern.

Liberal und ziemlich mutig wäre es sicherlich auch, die Flexibilisierung von Arbeitszeiten für Familien und gestresste Kinderlose zu fordern: Ein frei bestimmbares Arbeitspensum für jede Lebensphase! Das Aufjaulen ihrer Unternehmerklientel wäre der FDP sicher. Noch brüsten sich die Freien Demokraten damit, nicht nur mutig, sondern auch seriös zu sein. Doch so ist es mit der Realität: Fängt man erst mal an zu rechnen, verschwindet die Courage.

"German Mut" ist also ein Slogan, der nur so halb überzeugt. Auch weil er – der politische Gegner wies bereits genüsslich darauf hin – bei manchem ungute Assoziationen weckt. Zu viel deutsches Draufgängertum wünscht man sich dann doch nicht zurück.

Man soll sich auch verkriechen dürfen

Die neue FDP sollte es mit ihrem neuen Motto also nicht übertreiben: "German Mut" im Stakkato, wie auf dem Parteitag vorgetragen, erinnert dann doch ziemlich an diese schneidige Partei, die 2013 abgewählt wurde.

Am Schluss noch ein Gedanke zur Liberalität, die sich die Partei ja immer auf die Fahne schreibt: Wer fordert, die Mentalität aller Deutschen zu ändern, begibt sich in Gefahr, zu genau dem "Umerzieher" zu werden, den Parteichef Lindner doch bekämpfen will.

Nicht jeder muss nämlich mutig sein. Vielmehr sollte es immer auch das Recht des Kleinbürgers bleiben, sich gemütlich zu verkriechen. Und sich dabei auf ein gewisses Maß an Staat verlassen zu können.