Ich glaube, was sich tatsächlich verändert hat, ist die Semantik des Politikbegriffes als das politische Interesse an sich. Mit dem Konzept "Politik" können die meisten Jüngeren einfach nichts mehr anfangen. In ihrer Wahrnehmung findet Politik weit entfernt von ihrem Alltag statt, ein korruptes Geschäft, in dem sich alte Männer in Anzügen gegenseitig beschimpfen und sich mit Steuergeldern bereichern, gesteuert von anonymen Lobbyisten, getrieben von Parteidisziplin und unbeeinflusst vom Volk. 

Jugendliche interessieren sich zwar dafür, was um sie herum geschieht, aber mit "Politik" wollen sie nichts zu tun haben – und wer will es ihnen verübeln, wenn die Politik(er)verachtung alljährlich neue Höhepunkte erklimmt. An der Schule wird Politik faktisch nicht unterrichtet; selbst wo eine Wochenstunde Sozialkunde im Lehrplan vorgesehen ist, erschöpft sich diese meist in Schautafeln, die Demokratie als abstrakte Struktur darstellen, aber nicht mit Leben füllen.

Dank verkürzter Schul- und Studienzeiten bei gesteigertem Zeit- und Leistungsdruck und einem von der Ökonomisierung durchtränkten Zeitgeist bleibt für Engagement, Sich-Ausprobieren und kritisches Denken einfach keine Zeit – umso mehr, da Alternativen abwesend scheinen und der eigene Einfluss unterschätzt wird. Die Studenten von heute überlegen sich sehr genau, worin sie ihre Zeit investieren wollen. Gremiensitzungen in der staubigen Eckkneipe gehören sicherlich nicht dazu. Und wozu noch Protestmärsche und Kundgebungen, wenn sich sowieso nichts ändert? Schilder in die Luft zu halten, das ist so 68er, gut für altersrenitente Bahnhofsgegner, aber nicht für uns. Weil wir grundsätzlich skeptisch sind gegenüber den Formen des Pappschild-Protests grenzt es fast an ein Wunder, dass trotzdem Zehntausende beim Bildungsstreik, Anti-Atom-Demos und Occupy auf der Straße waren.

Zwei Polizisten bewachen drei Demonstranten

Manchmal beschleicht mich doch der Zweifel, wenn wir einfach den Hintern nicht hochkriegen und die Welt so hinnehmen, als wäre sie gottgegeben. Statt für NSA, Asylrecht und Ukraine-Konflikt brennt unser Interesse für selbstgemachtes Sushi und die Party im Berghain. Wenn wir zum Flashmob gegen unfaire Rentenpakete aufrufen oder zur Montagsdemo für Generationengerechtigkeit, müssen zwei Polizisten drei Demonstranten bewachen. Aber in der Ära des Nicht-Wahlkampfes und der strategischen Demobilisierung bleibt auch die junge Generation von der einschläfernden Merkelisierung der Republik nicht unbeschadet.

Wenn die heute junge Generation tatsächlich die unpolitischste aller Zeiten sein sollte, nur weil auch die gesamte Gesellschaft die unpolitischste aller Zeiten ist. Auf altkluge Ratschläge, wie man einzig richtig protestiert, können wir gerne verzichten. Auch zum Höhepunkt der 68er-Bewegung, die seither bis in alle Ewigkeit als Messlatte für wahres politisches Engagement herhalten muss, war es nur eine Minderheit der Studierendenschaft und keineswegs die komplett versammelte Jugend, die Transparente hochhielt und Manifeste tippte.

Es ist nur eine Minderheit von uns, die sich anschickt, die Welt zu verändern – aber diese Minderheit ist hochaktiv. Wir gründen soziale Unternehmen, die Kaffee, Schokolade und Kondome fair produzieren. Wir schreiben Blogs, starten Onlinepetitionen und treten Twitter-Kampagnen los. Wir machen mit schicken Glas-Wasserflaschen das Trinken von Leitungswasser wieder cool und bekämpfen damit Plastikmüll. Wir pflanzen Bäume, beziehen Ökostrom und ernähren uns vegetarisch. Wir helfen in Flüchtlingsheimen in Kreuzberg und in Waisenheimen in Bolivien. Wir klagen vor dem Verfassungsgericht für das Wahlrecht für Jugendliche und schreiben Parteitagsanträge gegen Vorratsdatenspeicherung. Wir erarbeiten Konzepte für zukunftsfähige Weltklimaverträge und tanzen bei der Silent Climate Parade für den Klimaschutz.

Statt sich in Manifesten und Gegenmanifesten zu verrennen und in Trillerpfeifen zu pusten, machen wir die Welt ganz handfest und konkret ein klein wenig besser – Stück für Stück, Projekt um Projekt. Alte Schablonen passen nicht zu den neuen Formen des Engagements, das zu oft scheinbar unsichtbar unter der Oberfläche verläuft. Der Aufstand der Jungen ist schon längst da. Die Alten merken es nur nicht.