Ernst Uhrlau ist ein Mann, der mit der jüngeren Geheimdienstgeschichte der Bundesrepublik Deutschland eng verwoben ist: In den 1990er Jahren war er Präsident mehrerer Landesverfassungsschutzämter, unter Rot-Grün wechselte er von 1998 bis 2005 als Geheimdienstkoordinator ins Kanzleramt, im Anschluss wurde er BND-Chef. Uhrlau erlebte die Krisensitzungen nach den Anschlägen vom 11. September mit, die Vorwürfe der Amerikaner gegenüber den Deutschen, weil einige der Attentäter unerkannt in Hamburg, Uhrlaus Heimatstadt, gelebt hatten. Er war dabei, als die weiterführende Zusammenarbeit zwischen BND und dem amerikanischen Geheimdienst NSA beschlossen wurde, ebenso als die Überwachungskooperation Eikonal endete. Seit 2011 ist er pensioniert.

Ernst Uhrlau ist also ein Mann, der mit allen Wassern gewaschen ist. Er war einer der wenigen BND-Präsidenten, die nicht vor dem Ende ihrer Amtszeit über einen Skandal stolperten. Über seine Rolle in der aktuellen BND-Affäre war lange nur wenig bekannt – dabei leitete Uhrlau den Auslandsgeheimdienst zur entscheidenden Zeit.

An diesem Freitag nun sagt der wichtige Zeuge Uhrlau vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestags aus. Das Problem: Bis heute besitzt der ehemalige BND-Präsident das Talent, mit seiner sonoren Stimme viel zu reden und doch wenig zu erzählen. Oder sich nicht zu erinnern. Oder von nichts gewusst zu haben, auch als Chef des Nachrichtendienstes. Typisch Geheimdienstler eben.

Seit 2006 "bösgläubig"

Fünf Stunden lang versuchen die Abgeordneten beharrlich, ihm in öffentlicher Sitzung Informationen zu entlocken. Uhrlau beantwortet alle Fragen freundlich. Er sitzt kerzengerade, hat die Arme in der stets gleichen Pose vor sich auf dem Tisch verschränkt. Vor ihm liegt ein blaues Aktenheft, in dem er sich jedoch kein einziges Mal rückversichert. Ob er etwas zu essen brauche oder mehr Wasser, erkundigt sich der Ausschussvorsitzende Patrick Sensburg nach mehreren Stunden zäher Befragung. Der 68-Jährige winkt ab: "Ich bin gut versorgt." Zu diesem Zeitpunkt hat der Hunger schon die meisten Abgeordneten und Beobachter zum Brötchenwagen getrieben, der dann und wann vor dem Ausschusssaal Station macht.

Schließlich gibt Uhrlau doch noch ein paar interessante Details preis: So will er bereits 2006, zu Beginn seiner Zeit als BND-Chef, das Kanzleramt darüber informiert haben, dass die NSA die Überwachungskooperation mit dem deutschen Auslandsgeheimdienst dazu ausnutzte, europäische Wirtschaftsziele auszuspionieren. Bisher war lediglich gesichert, dass das Kanzleramt seit 2010 Kenntnis hatte.

Die Zusammenarbeit von NSA und BND sollte eigentlich der Terroristenjagd dienen, gemeinsam wollte man Telefonate in Pakistan belauschen und afghanische E-Mails abfangen. Doch die Deutschen stellten fest, dass die Amerikaner auch versuchten, Suchbegriffe in die deutsche Überwachungsinfrastruktur einzuschleusen, die europäische Industrieprojekte ausspitzeln konnten – namentlich den Rüstungskonzern EADS und das Hubschrauber-Projekt Eurocopter. "Der Name EADS dürfte gefallen sein", bestätigt Uhrlau vor dem Ausschuss. Sicherlich habe er bei einer seiner regelmäßigen Besprechungen im Kanzleramt auch den Geheimdienstkoordinator, Klaus-Dieter Fritsche, über die brisanten Funde informiert: "Kann es aber nicht garantieren."

Ob Fritsche die brisante Kenntnis wiederum an seinen Abteilungsleiter weitergab, den Chef des Bundeskanzleramts – damals Thomas de Maizière –, das wisse er nicht. Dass de Maizière nach eigenen Angaben aber wenig später Anfragen der Amerikaner nach einer vertieften Geheimdienstkooperation ablehnte, "spricht allerdings Bände", sagt Uhrlau.