Nach rund einer halben Stunde wird es für Angela Merkel zum ersten Mal fast ein wenig gefährlich. Bis dahin dominieren vor allem Männer das Gespräch, zu dem die Kanzlerin etwa 60 Bürger aus dem ganzen Land am Montag in die Berliner Kulturbrauerei geladen hat. Nun ergreift erstmals eine junge Frau das Wort. Was Frau Merkel dafür tun wolle, dass alle Menschen, die Kinder wollten, auch welche haben könnten, fragt die Lehramtsstudentin. Wie zum Beispiel das Adoptionsrecht geändert werden könnte, auch für gleichgeschlechtliche Paare.

Es ist das Thema, bei dem Merkel schon bei einer Wahlkampfarena im Jahr 2013 nicht besonders gut aussah. Und das Thema, über das es derzeit eine neue Debatte gibt, nicht zuletzt in Merkels eigener Partei. Doch die Kanzlerin hat Glück: Die Studentin beharrt nicht auf dem Aspekt mit der Gleichgeschlechtlichkeit; sie interessiert mehr, ob das Adoptionsalter generell angehoben werden könnte.

Merkel ist an diesem Tag – so hat sie das gleich am Anfang erklärt – aber ohnehin nicht gekommen, um Antworten zu geben. Stattdessen will sie von den Bürgern wissen, was ihnen wichtig ist. Welche Anliegen sie haben, damit es in Deutschland noch schöner wird, als es – wie die Kanzlerin ja immer wieder betont – ohnehin schon ist.

Das Ganze ist der erste Höhepunkt eines von der Regierung breit angelegten Bürgerdialogs. Im April wurde dieser eröffnet. Seither haben unterschiedlichste Organisationen im ganzen Land zu Workshops eingeladen, in denen die Bürger herausfinden sollen, was Lebensqualität in Deutschland ausmacht. Etwa 40 solcher Veranstaltungen gab es schon, 180 sollen es werden. 

Insgesamt drei Mal will Merkel im Anschluss mit den Bürgern diskutieren, aber auch alle anderen Regierungsmitglieder werden derartige Veranstaltungen absolvieren. Am Ende sollen die Ergebnisse in einem wissenschaftlichen Bericht aufgearbeitet werden, zudem soll ein Aktionsplan entstehen. Erste Maßnahmen würden noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt, hat die Kanzlerin versprochen.

Bunte Aufkleber für die Lieblingsthemen

Auch die Teilnehmer, die nun als erste mit Merkel diskutieren durften, haben zuvor einen solchen Workshop durchlaufen. Auf bunte Karteikärtchen haben sie geschrieben, was ihnen wichtig ist, haben darüber diskutiert und anschließend mit bunten Aufklebern die Themen ausgewählt, die sie mit der Kanzlerin besprechen wollten. Soziale Sicherheit, Gesundheit und Bildung landeten auf den ersten Plätzen. Naturschutz dagegen hat keine Chance. Und das Thema Datenschutz, das derzeit wegen der BND-Affäre ja eine gewisse Brisanz hat, wird überhaupt nicht erwähnt. Dazu zumindest muss die Kanzlerin also keine kritischen Fragen fürchten. 

Dass Merkel nur zuhört, erweist sich aber schnell als illusorisch. Wenn normale Bürger ihrer Kanzlerin gegenübertreten, dann formulieren sie ihr Anliegen höflich als Frage – diesen Eindruck vermittelt zumindest diese Veranstaltung.

"Was will die Kanzlerin tun, damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer größer wird?", will zum Beispiel ein älterer Herr wissen. Man müsse eben alles dafür tun, dass man wirtschaftlich stark sei, antwortet Merkel. "Sollen wir angesichts künftiger Rentenprobleme ein Einwanderungsland werden?", will ein anderer wissen. "Wir sind im Grunde schon ein Einwanderungsland", antwortet die Kanzlerin und scheint dann von der eigenen Klarheit selbst ein wenig überrascht. Ihre Partei spreche von einem Zuwanderungsland, korrigiert sich die CDU-Chefin. Wo da der Unterschied ist, fragt leider niemand.