70 Jahre sind vergangen seit am 26. Juni 1945 eine Gruppe um den ehemaligen Zentrumspolitiker Andreas Hermes zur Gründung einer "großen Partei" aufrief, "die mit den anderen Parteien der neuen Demokratie gemeinsam am Aufbau Deutschlands arbeiten will". Das Projekt kann als gelungen gelten – jedenfalls in dem Maße, wie das Regieren die Währung ist, in der sich der Erfolg von Parteien bemessen lässt.

Zwischen 1949 und heute – also in den vergangenen 66 Jahren – lag das Kanzleramt 51 Jahre lang in den Händen der CDU. Das ist eine Leistung, die man schlicht anerkennen muss, wenn auch nicht unbedingt bejubeln. Dass die wegweisenden Grundentscheidungen der frühen Bundesrepublik – soziale Marktwirtschaft, Westbindung und europäische Einigung – eng mit der Adenauer-CDU verbunden sind, steht ebenfalls außer Frage.

Als ingeniöse Pionierleistung erwies sich schließlich das christdemokratische Erfolgsrezept der konfessions- und schichtenübergreifenden "Volkspartei der Mitte". Das war in Deutschland völlig neu. Die Sozialdemokratie brauchte mehrere Jahre sowie ihren wegweisenden Godesberger Parteitag von 1959, bis sie in der Lage war, sich in den maßgeblich von der CDU geprägten Verhältnissen der jungen Republik zurechtzufinden. Erst in der sozialliberalen Ära von 1969 bis 1982 sowie erneut in den rot-grünen Jahren 1998 bis 2005 gelang es der SPD, den fast selbstverständlichen Anspruch der Union im Wettbewerb um die gefühlte Zentralposition in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik zu erschüttern. Zur Partei der Mitte im Land – nämlich zur Partei der Neuen Mitte – wurde in dieser Zeit die SPD.

Es kam danach (erst einmal) wieder anders, aber zum Glück ist der ständige Wettbewerb der großen deutschen Parteien nie endgültig entschieden. Auch heute noch dreht er sich um die Frage, welche politische Kraft die Interessen und das Lebensgefühl breiter Bevölkerungsgruppen im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zentrum unserer Gesellschaft glaubwürdiger vertritt. 

Mehr Mut zur Zuspitzung

Als "Kanzlerwahlverein" mag die CDU noch immer dieselbe routinierte Machtmaschine sein wie schon zu Zeiten von Adenauer und Kohl. Doch an den Graswurzeln der Gesellschaft verliert die CDU erkennbar an Boden. Auffällig ist es jedenfalls schon, dass die CDU inzwischen nur noch drei der 16 deutschen Ministerpräsidenten stellt – und keinen einzigen Oberbürgermeister in einer der zehn größten deutschen Städte.

Na klar, wer es wie die Jubilarin erst einmal auf 70 Jahre bringt (oder wie meine eigene Partei sogar auf 152), der tut sich bisweilen ein bisschen schwer mit Buntheit und Vielfalt, mit Wandel und Fortschritt. Aber niemand hindert CDU und SPD daran, sich immer wieder zu erneuern und auf die Höhe der Zeit zu bringen. Im Fall der CDU habe ich den Eindruck, dass ihr ein bisschen mehr Mut zu Diskurs und Debatte, zu Kontroverse und zur Zuspitzung durchaus zu neuer Lebendigkeit verhelfen könnte. Diesen Mut hatte die Union bei ihrer Gründung.

Die Welt ist im Umbruch. Auch unser Land wird es in den kommenden Jahrzehnten mit großen Herausforderungen zu tun bekommen. Um ihnen gerecht zu werden, brauchen wir den produktiven Wettbewerb um die bessere Idee, das bessere Konzept, die bessere Lösung. Von der CDU wünsche ich mir, dass sie sich in den nächsten Jahren wieder verstärkt an diesem produktiven Wettbewerb beteiligt. In jedem Fall wäre es gut für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes und die Legitimität unserer Demokratie. Also liebe CDU: Happy Birthday und zurück in die Zukunft!