Vor zwei Wochen war Yanis Varoufakis zu Gast in Berlin. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hatte den griechischen Finanzminister eingeladen. Die Stimmung im Publikum war ausgesprochen wohlwollend. Dann trat ein Herr mittleren Alters vor, graumeliertes Haar, Anzug und Krawatte.  "Herr Varoufakis", begann er, "machen Sie die Politik, die Sie machen wollen, aber hören Sie auf, den deutschen Steuerzahlern die Rechnung dafür zu präsentieren." Der Saal buhte.

Ein paar Tage später sitzt Klaus-Peter Willsch in seinem Büro auf einem schwarzen Sofa, hinter sich eine große Deutschland-Flagge und sieht ziemlich zufrieden aus. "Varoufakis wurde da der rote Teppich ausgerollt", sagt er. "Ich wollte, dass das nicht der einzige Eindruck ist, mit dem er nach Hause geht."

Willsch, 54 Jahre alt, CDU-Abgeordneter aus Hessen und seit 17 Jahren Mitglied des Deutschen Bundestags gehört in der Union zu den Griechenland-Rebellen der ersten Stunde. Als 2010 das erste Hilfspaket verabschiedet wurde, war er einer von vier Unionsabgeordneten, die mit Nein stimmten. Es ist eine Haltung, die er bis heute durchgehalten hat.


Das war nicht immer einfach. Von der Fraktionsspitze gab es Ermahnungen, Kollegen reagierten genervt, wenn er wieder mal seine Bedenken vortrug. Nach der Bundestagswahl 2013 verlor Willsch dann seinen Posten als CDU-Obmann im wichtigen Haushaltsausschuss. Er selbst sieht dies als Strafaktion. Jetzt ist er nur noch einfaches Mitglied des weniger wichtigen Wirtschaftsausschusses. 

118 stimmten mit "Ja, aber"

Mittlerweile allerdings hat sich die Stimmung in der Unionsfraktion deutlich verändert. Schon als im Februar im Bundestag über die Verlängerung des zweiten Griechenland-Hilfspakets abgestimmt wurde, votierten von 311 Unionsabgeordneten plötzlich 29 mit Nein, drei enthielten sich. Bei der SPD und den Grünen stimmte niemand dagegen.

Die Zahl der Skeptiker ist in der Union aber noch weit größer. 118 Abgeordnete verbanden ihre Zustimmung mit persönlichen Erklärungen, in denen sie ihren Zweifeln an der Rettungspolitik Ausdruck verliehen.

Wie wird diese Gruppe sich verhalten, wenn Anfang kommender Woche möglicherweise erneut über eine Verlängerung der Griechenland-Hilfen abgestimmt wird? Das ist für die Unionsführung derzeit die Frage aller Fragen.

"Die Empörung über die griechische Vorgehensweise ist einhellig. Und wenn man zurzeit völlig frei abstimmen ließe, gäbe es in der Fraktion keine Mehrheit für weitere Hilfen", behauptete unlängst der frühere Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) bei Günther Jauch. Eine Einschätzung, die hinter vorgehaltener Hand auch von anderen geteilt wird.

Zu viele taktische Manöver

Der Unmut über Griechenland ist in der Union seit dem Amtsantritt der linken Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras gewaltig gewachsen. Jede neue Verzögerung, jedes weitere taktische Manöver aus Athen hat die Bereitschaft zu weiteren Rettungsaktionen sinken lassen. "Die Bauchschmerzen nehmen von Tag zu Tag zu", beschreibt etwa der schleswig-holsteinische CDU-Abgeordnete Mark Helfrich die Stimmung in der Fraktion. Im Februar hatte er noch mit Ja gestimmt, eine erneute Verlängerung des zweiten Hilfspakets will er nun aber ablehnen.

Die ZEIT hat alle Abgeordneten, die im Februar eine persönliche Erklärung abgegeben hatten, gefragt, wie sie künftig abstimmen werden. Diese Entscheidung wollen die allermeisten zwar erst treffen, wenn klar ist, wie der Kompromiss zwischen Griechenland und der Eurogruppe konkret aussehen wird. Doch der wachsende Ärger über das Verhalten der griechischen Regierung lässt sich auch so aus ihren Antworten ablesen.   

"Ich vermisse einen aktiven Reformwillen in Griechenland", schreibt etwa der Abgeordnete Maik Beermann. "Die vergangenen vier Monate haben meine schlimmsten Befürchtungen mehr als bestätigt", notiert Andreas Nick. "Sollte der Internationale Währungsfonds dauerhaft vom Verhandlungstisch verdrängt werden, fiele es mir sehr schwer, einer Verlängerung zuzustimmen", schreibt die Abgeordnete Sabine Sütterlin-Waack.