Er hat sie ganz schön zappeln lassen. Stunden, Tage, eigentlich Wochen. Und am Ende sagt Gregor Gysi in Bielefeld, er werde nicht noch einmal kandidieren. Er sagt das leiser als man es von ihm kennt, nachdenklich – und hat dabei Tränen in den Augen. Nach zehn Jahren an der Spitze der Linken-Fraktion ist Schluss. Überraschend ist nicht, dass er geht. Vielmehr, wie er geht.

Seine Rede in der Bielefelder Stadthalle ist alles auf einmal: Rückzugsansage und biografischer Schnelldurchlauf, Mahnung an die Partei und Ratschlag für eine künftige Regierungsbeteiligung. Aber auch: Eine Bitte um Entschuldigung, gerichtet vor allem an seine Freunde und seine Familie, für seinen Mangel an Zeit für sie. "Ich habe viel zu wenige Freundschaften gepflegt, ich hatte viel zu wenig Zeit für meine Angehörigen."

Da bricht ihm dann sogar die Stimme weg, er muss einen Schluck Wasser trinken, versucht es schließlich erneut und sagt: "Es tut mir sehr, sehr leid." Ja gar für seine eigene Eitelkeit bittet er um Entschuldigung und sagt, die sei "eine große Gefahr, wenn man in der ersten Reihe der Öffentlichkeit steht". 

Gysi liebt die Show, ob laut oder leise. Der 67-Jährige hat sich seinen Rückzug wahrscheinlich genau so vorgestellt: Mit viel Applaus am Ende und einer großen Bühne, einer tiefen Verbeugung, Blumen, Umarmungen, Kameras. 

Eigentlich sollte es auf diesem Parteitag um andere Dinge gehen, um Inhaltliches, um kommunalpolitische Leitlinien etwa, oder um den Leitantrag für die künftige Ausrichtung der Partei. Doch Gysi hat das Programm gehörig durcheinandergebracht. Es dürft ihm gefallen haben.

Er tritt ab, wie er als Fraktionschef agiert hat: Eitel und stolz, selbstbewusst und mit einer Eloquenz, die mitreißend ist, egal ob man mit seinen Inhalten übereinstimmt oder nicht. Die Tränen sind allerdings neu, die Bedächtigkeit auch, die durch die Stille im Saal noch ein bisschen bedächtiger wirkt. Und so viel Selbstkritik war auch selten bei Gysi. Er habe sich einfach zu wichtig genommen, sagt er.  

Dass er sich immer noch wichtig nimmt, zeigt allerdings allein schon, dass er den Parteitag für diese Rede gewählt hat. Das Ende seiner Amtszeit kommt erst im Herbst. Dann hätte ihm aber wohl das Publikum gefehlt, die Aufmerksamkeit wäre geringer gewesen, damit vielleicht auch die Wirkung dessen, was er zu sagen hat.

Gysi will seinen Pragmatismus hinterlassen

Im Bundestag will er bleiben, ob er 2017 noch einmal kandidiert, lässt er offen. Es wird also kein ganz schneller Abgang. Denn dass er in der Partei wichtig bleiben will, in anderer Funktion, vor allem während des Wahlkampfes 2017, das hatte er längst angekündigt.

Und wenn man ihn so hört, wie er dort oben steht und seiner Partei Tipps und Ratschläge gibt, wie sie sich positionieren und verhalten solle, um möglichst erfolgreich zu sein, dann bekommt man eine Ahnung davon, was bleiben wird von ihm, wenn es nach Gysi selbst ginge. Er würde den Linken gerne seinen Pragmatismus hinterlassen, auch seine Kompromissbereitschaft, damit es endlich etwas wird mit dem Regieren auf der Bundesebene.