Nach dem angekündigten Abgang von Gregor Gysi braucht die Linke eine neue Fraktionsspitze. Im Oktober soll gewählt werden, die Favoriten stehen eigentlich schon fest. Offiziell wird das erst in den kommenden Tagen verkündet, der geschäftsführende Parteivorstand trifft sich nächsten Montag und wird dann einen Vorschlag machen. Es soll eine Doppelspitze werden, ein Mann und eine Frau, aus Ost und West wenn möglich, gut wäre wohl jeweils ein Kandidat aus den beiden großen Lagern der Partei: den pragmatischen Reformer auf der einen, den linken Hardliner auf der anderen Seite. 

Die Favoriten

Als einer der aussichtsreichsten Kandidaten gilt Dietmar Bartsch, zweiter Stellvertreter und schon seit der Wende ein enger Wegbegleiter von Gysi. Er ist einer von denen, die – wie Gysi selbst – die Linke auf Bundesebene gerne in einer Regierungskoalition sehen würden. Für die ostdeutschen Reformer in der Partei ist er deshalb nach Gysi der wichtigste Mann. Der 57-Jährige war einige Jahre Bundesgeschäftsführer der Linken, scheiterte 2012 mit seiner Kandidatur für den Parteivorsitz und hat sich – allen gekränkten Stolzes zum Trotz – seither kontinuierlich darauf vorbereitet, irgendwann doch noch ganz nach oben zu kommen. Bartsch wäre Gysis Wunschkandidat.

Auf dem Parteitag gab sich Bartsch betont zurückhaltend, ein klares Plädoyer für seinen rot-rot-grünen Kurs kam ihm nicht über die Lippen, vielleicht wollte er den linken Parteiflügel nicht gleich verschrecken. Stattdessen sprach Bartsch von der Einheit und Geschlossenheit der Partei: "Wir sind erfolgreich, wenn wir zusammenstehen", sagte er.  

An seiner Seite soll – zumindest wenn es nach Gysi geht – Sahra Wagenknecht stehen. Sie positioniert sich am anderen Ende der Partei: sehr weit links. Seit dem politischen Rückzug von Oskar Lafontaine, mit dem Wagenknecht seit einigen Jahren liiert ist, führt sie den linken Flügel an. Für all jene, die die Partei von der Oppositionsbank in Richtung Regierungsbank schubsen wollen, ist sie nur schwer vorstellbar. Einige verspotten sie immer noch als Stalinistin. Trotzdem ist sie Teil des Wunsch-Duos von Gysi. Wohl auch deshalb, weil es neben Bartsch dringend jemanden vom linken Rand brauchte, um für Ausgewogenheit zu sorgen. Gysi selbst wollte allerdings nie mit Wagenknecht zusammen die Fraktion führen. Ihr ging es wohl genauso. Dass sie im März erklärte hatte, sie wolle nicht Fraktionsvorsitzende werden, hatte wohl auch damit zu tun, dass sie sich diesen Posten nicht mit Gysi teilen wollte. Offiziell nannte sie allerdings die Zustimmung vieler Genossen zu einer Verlängerung des Griechenland-Rettungspakets als Grund. Nach Gysis Rückzug will sie ihre Entscheidung nun nochmal überdenken und zeitnah entscheiden. Ihre Anhänger werden sie zur rechten Zeit ein bisschen bitten und betteln.   

Auf dem Parteitag ließ sie schon mal erkennen, wohin es gehen würde, wäre sie die Neue an der Spitze der Fraktion. Denn anders als Bartsch machte Wagenknecht unmissverständlich klar: Sie will diese Regierung nicht um jeden Preis. Wo Reformer wie Bartsch pragmatischer, kompromissbereiter sind, hält sie an den strengen Grenzlinien der Linken fest. Eine SPD, die sich für das Freihandelseinkommen TTIP einsetzt, das aktuelle Gesetz zur Tarifeinheit vorantreibt und Merkels Europakurs unterstützt, ist für sie als Koalitionspartner nicht denkbar.

Zwischen Bartsch und Wagenknecht war es nicht immer harmonisch, aber als stellvertretende Fraktionsvorsitzende haben sie sich zusammengerauft, das versichern sie des Öfteren. Von einer guten, problemlosen Zusammenarbeit ist da die Rede. "Es wird in den nächsten Tagen eine Entscheidung geben", sagte Bartsch. Er sei mit Wagenknecht im Gespräch.

Die Alternativen

Auch der Name von Jan van Aken fiel in den vergangenen Wochen immer mal wieder, wenn es um die Spekulationen über Gysis Nachfolge ging. Der Außenpolitiker ließ aber bereits erkennen, dass ihm die Fußstapfen von Gregor Gysi eigentlich zu groß sind. Van Aken ist ein Quereinsteiger, war Gentechnik-Experte bei Greenpeace und Biowaffeninspektor bei den Vereinten Nationen. Im Bundestag ist er erst seit 2009. Er ist Experte in Rüstungsfragen und gilt als einer der schärfsten Kritiker der deutschen Waffenexport-Politik.

Zusammen mit van Aken könnte Martina Renner den Fraktionsvorsitz übernehmen. Sie ist Innenpolitikerin und vor allem als Aufklärerin in Untersuchungsausschüssen bekannt: Renner vertrat die Linken-Fraktion im NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags und ist derzeit Linken-Obfrau im NSA-Ausschuss. Sie will aber erst abwarten, wie sich Bartsch und Wagenknecht einigen – und was dann der Parteivorstand sagt. Sie und van Aken würden den Fraktionsvorsitz jedenfalls nicht anstreben, sagte sie im Deutschlandfunk. Ihre Namen seien eben genannt worden, als Wagenknecht im März einen Rückzieher machte. Glücklich scheint sie darüber nicht zu sein. 

Die beiden stünden für einen Neustart in der Fraktion, andere Gesichter. Doch ganz offensichtliche Vertreter der beiden Parteiflügel sind sie nicht. Das könnte von Vorteil sein, weil sie in den innerparteilichen Streitereien keine bestimmte Position einnehmen. Oder auch von Nachteil, weil sich die Flügel in der Fraktionsspitze nicht vertreten fühlen würden. Zudem fehlt ihnen das, was Bartsch und Wagenknecht mitbringen: Van Aken und Renner sind in der Partei nicht stark verankert, gelten bei vielen nicht als einflussreich und prominent genug. Das könnte ein Autoritätsproblem werden, gerade wenn es wieder zu offenen Kämpfen zwischen den Reformern und dem linken Flügel kommt.

Der Rest

Außerdem ist da auch Katja Kipping, Parteichefin neben Bernd Riexinger. Sie ist eine der wenigen Frauen in der Partei, denen man das Amt zutraut. Doch sie will nicht. Sie stehe für den Fraktionsvorsitz nicht zur Verfügung, hatte Kipping der Süddeutschen Zeitung im März gesagt, kurz nachdem auch schon Wagenknecht abgewunken hatte. Die Arbeit an der Parteispitze ist ihr wichtiger. Zusammen mit Bernd Riexinger hat sie geschafft, was nach dem Grusel-Parteitag von Göttingen im Juni 2012 kaum einer dachte: dass die Flügel der Partei wieder miteinander sprechen. Das Team Kipping-Riexinger funktioniert gut, die Partei ist stabil – das will Kipping in den Bundestagswahlkampf 2017 retten. Ein Wechsel an die Fraktionsspitze würde wohl für Unruhe sorgen. Auch in ihrem Privatleben. Kipping sorgt sich um ihre Work-Life-Balance, sie brauche auch Zeit für die Familie und sich selbst. Es gebe da "noch so viele gute Bücher", die sie lesen müsse. Als Nachwuchshoffnung gilt in der Partei Janine Wissler, Fraktionschefin in Hessen. Die 34-Jährige hat allerdings noch kein Bundestagsmandat und könnte deshalb erst nach der Wahl 2017 für einen Posten in der Fraktion kandidieren.  

Formal sind es die beiden Parteivorsitzenden, die das Vorschlagsrecht für Gysis Nachfolge haben. Er selbst hat aber mehr als einmal deutlich gemacht, dass er selbst am besten weiß, wer sein Erbe antreten soll.