Es ist spät geworden, nur der Raum des Untersuchungsausschusses nahe des Reichstags ist hell erleuchtet: Zehn Stunden tagt das Aufklärungsgremium zur Affäre des Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy schon. Jetzt will sich Thomas Oppermann erklären. Denn die Situation ist gerade ziemlich brenzlig für den SPD-Fraktionsvorsitzenden. 

Hat Oppermann gelogen, das ist die Frage, die im Raum steht. Hatte er schon früher Informationen über den Fall Edathy, als er zugibt? Versucht er, etwas zu vertuschen? Diese Interpretation hat wenige Stunden zuvor ausgerechnet Parteichef Sigmar Gabriel bei seiner Aussage vor dem Untersuchungsgremium zugelassen.

Die SPD ist alarmiert, im Krisenmodus. Mitarbeiter der Fraktion laufen hektisch herum, Telefonate werden geführt. Die Opposition will die Befragung Oppermanns auf einen anderen Tag verschieben, an dem mehr Zeit ist, doch die SPD setzt sich durch: Oppermann darf sich verteidigen.

Der Fraktionschef tritt schließlich um 21.21 Uhr in den Saal des Untersuchungsausschusses. Er gibt sich selbstbewusst, er lächelt in die Runde, schüttelt der Grünen-Abgeordneten Irene Mihalic die Hand, plaudert mit ihr. Solange die Fotografen im Raum sind, meidet er es, sich auf den Zeugenplatz zu setzen. Es soll keine Bilder geben, die ihn in schwacher Position zeigen.

Oppermann verliest eine vorgeschriebene Erklärung: Er habe Edathy nicht gewarnt, nicht direkt und auch nicht indirekt, betont er. Und er habe definitiv erst am 17.10.2013 von den Vorwürfen erfahren. Es ist der Versuch der offensiven Bestätigung eines Zeitstrahls, der vielen nicht mehr ganz plausibel erscheint.

Klar ist: Die SPD-Spitze, Oppermann, Gabriel und Frank-Walter Steinmeier, wusste im Herbst 2013 früh, dass ihr aufstrebender Abgeordneter Edathy in BKA-Ermittlungen wegen des Besitzes von Kinderpornografie verwickelt war. Diese Information war brisant, der Zeitpunkt war es auch: Gleichzeitig berieten in Berlin SPD und Union über die Bildung einer Großen Koalition – Edathy war potenzieller Kandidat für einen einflussreichen SPD-Posten.

Die offizielle Linie der Sozialdemokraten lautet so: Am 17.10.2013 habe der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) SPD-Chef Sigmar Gabriel bei den Sondierungsgesprächen zur Großen Koalition beiseite genommen. Friedrich habe als Dienstherr des Bundeskriminalamts von den Vorwürfen gegen Edathy erfahren und die SPD warnen wollen. "Hochanständig" nannte das der Vorsitzende Gabriel bei seiner Aussage vor dem Ausschuss. Er habe es sehr bedauert, dass Friedrich später wegen Geheimnisverrats zurücktreten musste.

Die Sondierungsgespräche endeten an diesem Tag gegen 15.00 Uhr, den wartenden Journalisten wurde verkündet, dass man nun in offizielle Koalitionsverhandlungen eintreten wolle. Quasi auf dem Weg zum Pressestatement will Gabriel den damaligen Fraktionschef Steinmeier über die brisante Neuigkeit informiert haben. Doch wann setzte er Oppermann in Kenntnis, damals Fraktionsgeschäftsführer.