Turkan Deniz hat vier aufregende Jahre hinter sich. Mit 13 kam die Kurdin aus der Türkei nach Deutschland; die ihr damals fremde Sprache hat sie so schnell gelernt, dass nur ein kleiner Akzent geblieben ist. Deniz machte ihren Schulabschluss in Berlin, gerade hat sie eine Ausbildung begonnen.

Nun steht sie im Vivantes Klinikum im Norden der Hauptstadt, eine zierliche Jugendliche in weißer Pflegerkluft, modische Brille, Zahnspange, um das Haar einen OP-grünen Schal zum Turban geschwungen. Heute ist es die Aufgabe von Pflegeschülerin Deniz, der Bundesarbeitsministerin die Station zu zeigen, auf der sie seit Kurzem regelmäßig Patienten betreut. "Wenn die Zimmertür aufgeht, dann freuen die sich schon", sagt Deniz ein wenig schüchtern in Richtung Andrea Nahles. Die wiederum sagt, sie finde es richtig gut, dass die junge Frau mit ihren Kurdisch- und Türkischkenntnissen auch Patienten betreuen könne, die nicht so gut Deutsch sprächen.

Andrea Nahles hat eine Mission. Sie will Flüchtlinge in Ausbildung bringen. Gerne in Berufen, in denen Beschäftigungsmangel herrscht, wie im Pflegebereich. Die Ministerin will außerdem erreichen, dass Menschen wie Deniz, die in Deutschland nur geduldet sind, für die Dauer ihrer Berufsausbildung und bei erfolgreichem Abschluss auch danach eine feste Aufenthaltserlaubnis erhalten.

Eine Botschaft an die CSU

Das Thema Aufenthaltsstatus ist ein großes für die jungen Ausländer, die sich im Krankenhaus versammelt haben, um die Ministerin zu begrüßen. Sie waren alle von Abschiebung bedroht, lebten in unsicheren Verhältnissen: Ihre Asylanträge wurden nicht anerkannt, sie bekamen nur einen Duldungsbescheid für mehrere Monate. Und dann noch einen. Und dann noch einen. Weil die Gründe für eine Abschiebung letztlich doch nicht reichen, auch wenn es für ein Aufenthaltsrecht aus Sicht des Staates ebenso wenig genügend Argumente gibt. Eine Auszubildende des Krankenhauses ist so bereits seit 26 Jahren von Abschiebung bedroht, seit ihrer Geburt – in ihrer vermeintlichen Heimat Mazedonien hat sie nie gewohnt.

Wenn es nach Nahles geht, sollte jeder Geduldete künftig die Chance auf einen Ausbildungsplatz haben: "Sonst muss der Staat ihre Sozialleistungen sicherstellen", sagt die Ministerin. Es ist auch ein Satz an die ewigen Nörgler von der CSU, die das deutsche Sozialsystem doch gerade durch eine Abschreckungspolitik für Migranten vermeintlich schützen wollen. Die junge Auszubildende Deniz wird vom Staat noch eingeengt: Sie darf erst einmal nur sechs weitere Monate in Deutschland bleiben – wenn sie die Probezeit schafft, gibt es vielleicht eine Verlängerung.

Läuft es gut für Deniz, dann endet es so wie für Khaled D. Dieser ist 28 Jahre alt, heute eingebürgert und seit fünf Jahren ausgebildeter Pfleger im Krankenhaus – auf einer Station, auf der sich auch viele ausländische Patienten mit komplizierten Diagnosen behandeln lassen. Seine Familie stamme aus Syrien, erzählt er, auch er sei Kurde und staatenlos gewesen. 2001 flüchtete die Familie nach Deutschland. Sie durfte bleiben, doch seine Aufenthaltserlaubnis wurde immer nur um zwei oder drei Monate verlängert. Und dann wieder. Und dann wieder. "Keiner stellt dich da an", sagt Khaled D.

Irgendwann habe er Glück gehabt und sei auf das Netzwerk aus Flüchtlingshelfern und Krankenhausmitarbeitern gestoßen, das auch vom Land Berlin finanziert wird: Das Krankenhaus hat sogar seine eigene Berufsfachschule für die Flüchtlinge gegründet, um auf deren besondere Situation eingehen zu können. "Drei Tage vor Beginn der Ausbildung kam der Aufenthaltstitel. Das war dramatisch", sagt Khaled D. Das Krankenhaus hielt ihm die Stelle solange frei.

Nahles will Bleiberecht auch nach der Ausbildung

Vivantes tat das nicht nur aus Nächstenliebe: Der Fachkräftebedarf im Pflegebereich ist einfach riesig, und durch sein Engagement für die Flüchtlinge sichert sich der Träger eine Generation an potenziellen, motivierten und dankbaren Arbeitskräften.

Gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen, so argumentieren Vertreter der Wirtschaft dieser Tage, sei solch eine ewige Hängepartie mit einem Auszubildenden kaum durchzuhalten – obwohl die Arbeitskräfte dringend gebraucht würden. Arbeitsministerin Nahles fordert daher einen Abschiebestopp für Menschen in Ausbildung. Und sie geht darüber hinaus: "Wer in Deutschland eine Ausbildung abgeschlossen hat, sollte auf Dauer bleiben dürfen", wiederholt sie bei ihrem Ortstermin.

Es sieht aber nicht so aus, als würde sich die Ministerin durchsetzen. Am kommenden Donnerstag soll der Bundestag einen Gesetzentwurf zum neuen Bleiberecht beschließen. Doch in den parlamentarischen Beratungen "grätschte die CSU dazwischen", wie aus der SPD rechtfertigend zu hören ist. Die vielen Flüchtlingsgipfel der vergangenen Wochen und die Beteuerungen, Flüchtlinge dürften künftig leichter arbeiten, werden nichts daran ändern, dass es nun offenbar nur marginale Verbesserungen des Status quo geben wird.