Statt im bayerischen Elmau hätten sich die führenden Industrienationen zum G-7-Gipfel lieber im italienischen Lampedusa treffen sollen. Nur wenige Kilometer von der Mittelmeerinsel entfernt wurden am vergangenen Wochenende wieder einmal fast viertausend Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Unmittelbarer lassen sich die Folgen der verheerenden Konflikte im Mittleren Osten und in Afrika kaum erfahren.

Laut dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) haben in diesem Jahr bereits mehr als 90.000 Menschen diesen gefährlichen Weg übers Mittelmeer nach Europa gewählt. Doppelt so viele wie 2014. Etwa 2.000 sind dabei bislang gestorben.

Zum Glück lässt inzwischen die Bundeswehr und lassen auch andere Länder Rettungsschiffe vor der libyschen Küste kreuzen. Und zum Glück haben mutige Bürger in den vergangenen Monaten Hilfsorganisationen wie SeeWatch und SOS Mediterranee ins Leben gerufen.

Doch was geschieht mit den Flüchtlingen, wenn sie die Europäische Union erreicht haben? Sie geraten in die Mühlen einer oft ebenso unbeholfenen wie unzulänglichen und unmenschlichen Bürokratie. Sie werden registriert, in Sammelunterkünfte gesteckt, in langwierige, komplizierte Verfahren gepresst – und monate-, häufig sogar jahrelang von jeglicher Arbeitsaufnahme ferngehalten. Damit vergeudet man nicht nur Geld und Ressourcen, sondern schürt und nährt auch Ressentiments gegen Flüchtlinge. 

Vermeintliche Ausbeutung der Sozialsysteme

In Berlin wollen sich in dieser Woche wieder einmal Bund und Länder über den Umgang mit der wachsenden Zahl von Flüchtlingen beraten, denn allein eine halbe Million wird dieses Jahr Zuflucht in Deutschland suchen. Zum rechten Augenblick ist Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig darum soeben mit einem mutigen Vorschlag vorgeprescht.

In einem Beitrag in den Kieler Nachrichten plädiert der Sozialdemokrat dafür, Flüchtlingen sofort nach ihrer Ankunft in Deutschland die Möglichkeit zum Arbeiten zu geben. "Wenn Flüchtlinge sich einbringen können", so Albig, "bringt das nicht nur sie selbst voran, sondern auch unser Gemeinwohl."

Es ist seit Langem bekannt: Der Widerstand gegen Migranten entspringt nicht allein der Furcht vor einer fremden Kultur, Religion oder Ethnie, sondern vor allem der Angst, die Migranten lägen dem Wohlfahrtsstaat und den Steuerzahlern auf der Tasche. Ausländerfeindliche Bewegungen wie Pegida warnen nicht nur vor Islamisierung und Überfremdung, sondern ebenso vor einer vermeintlichen Ausbeutung der Sozialsysteme.

Studien belegen, dass die Angst ausgenutzt zu werden in einem Sozialstaat besonders groß ist, weil er besonders viel Geld zu verteilen und umzuverteilen hat. Hingegen fallen diese Ängste dort geringer aus, wo Migranten wie etwa in den Vereinigten Staaten von Amerika schneller arbeiten dürfen und weit weniger staatliche Sozialleistungen in Anspruch nehmen können. Es ist darum wichtig, Konzepte zu entwickeln, die Flucht und Migration in wirtschaftlichen und sozialen Nutzen umwandeln.

Ministerpräsident Albig hat deshalb recht, wenn er ein fundamentales Umdenken und den kühlen Blick eines Ökonomen verlangt. In letzter Konsequenz bedeutete sein Vorschlag der sofortigen Arbeitsaufnahme: Jeder Flüchtling, egal aus welchem Grund er seine Heimat verlassen musste, wird gleich nach seiner Ankunft danach befragt, welche beruflichen Fähigkeiten er besitzt. Er bekommt eine Arbeitserlaubnis, unverzüglich Deutschunterricht und wird, wenn nötig, beruflich weiterqualifiziert.

Damit gewinnt am Ende jeder: Zum einen erhält Deutschland Arbeitskräfte, Steuerzahler und neue Mitglieder in den Renten- und Krankenkassen. Zum anderen verdient der Flüchtling eigenes Geld, trägt zum Gemeinwohl bei und hat, selbst für den Fall, dass er nach einer Ablehnung seines Asylantrags eines Tages tatsächlich ausreisen muss, berufliche Fähigkeiten erworben, die ihm in seiner alten Heimat nützen werden.