Wenn man Dietmar Bartsch so sieht, im Eingangsbereich der Bielefelder Stadthalle, breiter Schritt und dann dieses Schmunzeln, dann kann man sich denken, was Gregor Gysi am Ende dieses Parteitags sagen wird. Dass er den Weg freimacht. Für eine neue Fraktionsspitze, für ihn, Dietmar Bartsch, seinen politischen Freund und gewissermaßen auch Zögling, der schon eine Weile darauf wartet, das Wort Vize aus seiner Positionsbeschreibung streichen zu können. 

Offiziell sagen will Bartsch das natürlich nicht, auch wenn er längst zugegeben hat, dass er schon weiß, wie sich Gysi entschieden hat. Über die Zukunft seines Fraktionsvorsitzenden spricht Bartsch deshalb nur im Konjunktiv. "Gregor hat so viel für diese Partei getan", sagt er ZEIT ONLINE. "Wie immer er sich entschieden hat: Ich könnte verstehen, wenn es ihm irgendwann genug ist."  

Ob der 67-Jährige genau jetzt genug hat? Keine Antwort wird in Bielefeld sehnsüchtiger erwartet als diese. Gysi wird sie geben, ganz am Schluss. Er spricht am Sonntag um 13 Uhr, nach ihm kommt nicht mehr viel. Eine Aussprache ist nicht vorgesehen, auch keine Fragen, denn es geht ja nicht um Inhaltliches. 

Das ärgert viele hier. Caren Lay etwa, Mitglied im Parteivorstand, die sagt, dass sie es schade findet, dass der Parteitag unter dieser Personaldebatte leidet. "Es gibt so viele gute Inhalte, die jetzt kaum Beachtung finden." Und eigentlich, es hätte schon so lange nicht mehr so viel Integration und Einigkeit gegeben in der Partei. Es wäre ein guter Zeitpunkt, es wäre der perfekte Zeitpunkt, sich Inhalten zu widmen. Einige Delegierte wollten Gysis Rede deswegen auf den Samstag vorverlegen, damit das Thema abgehakt ist und man dann wieder zu den anderen Dingen kommen kann. Aber die Mehrheit war dagegen. Nun hängt die Frage nach Gysis Zukunft noch einige Stunden länger wie schweres Parfum in der ohnehin schon stickigen Luft der Stadthalle.  

Dass es auf diesem Parteitag eigentlich auch um andere Dinge geht, um das bedingungslose Grundeinkommen etwa, auch um die richtige Strategie in der Kommunalpolitik und um einen Plan für die kommenden Landtagswahlen? Geschenkt. Am Ende wird von diesen zwei Tagen nicht viel bleiben als die Diskussion darüber, wie es an der Fraktionsspitze weitergeht. Wahrscheinlich mit einer Doppelspitze, zu der neben Sahra Wagenknecht eben auch Dietmar Bartsch gehört.

Gregor Gysi ist Unterhaltung

Es gibt in der Partei keinen, der enger mit Gysi ist als er. Die beiden kennen sich seit 1989. Bartsch hat auf der privaten Feier zu Gysis 60. Geburtstag eine Rede gehalten, Gysi beim 50. Geburtstag von Bartsch. Es war sicher eine kluge Rede, witzig und eloquent. Denn dort, wo Gregor Gysi ist, da ist Unterhaltung. Wenn er mit Argumenten nicht mehr weiterkommt, dann mit einem Witz. Und ein Witz auf seine Kosten ist ihm immer noch lieber als überhaupt keiner.

Fragt man nach ostdeutschen Politikern, die jeder kennt, dann kommt Gysis Name gleich nach Angela Merkel. Erfolgreicher ist sonst keiner. Bodo Ramelow vielleicht noch, aber der regiert in Thüringen, den muss nicht jeder kennen. Außerdem kommt der gar nicht aus dem Osten. Gysi schon. Er ist die Identifikationsfigur der Linken, seit Jahrzehnten schon. Dass die Nachfolgepartei der SED 25 Jahre nach der Wiedervereinigung die größte Oppositionspartei ist, liegt auch an ihm.