ZEIT ONLINE: Herr Miersch, die Große Koalition verurteilt das Verhalten der linken griechischen Regierung gegenüber der Eurogruppe. Sehen Sie das genauso?

Matthias Miersch: Wir Sozialdemokraten waren immer aufgeschlossen gegenüber einem Referendum in Griechenland. Aber die Ankündigung von Alexis Tsipras kam zu einem denkbar späten Zeitpunkt – und dass er den Griechen empfehlen will, mit Nein zu stimmen, hat dann den Ausschlag dafür gegeben, dass die Verhandlungen abgebrochen wurden.

ZEIT ONLINE: Also stehen Sie fest an der Seite der Bundesregierung? Es gibt auch SPD-Linke, die sagen, die ständige Kraftmeierei der Vertreter der Eurogruppe habe zu einer Verschärfung der Lage beigetragen.

Miersch: Die Austeritätspolitik hat dazu beigetragen, dass soziale Missstände in Griechenland gewachsen sind – das bleibt unser Kritikpunkt. Am wichtigsten ist jetzt aber, dass weiter verhandelt wird. Angela Merkel muss da eine aktivere Rolle spielen. Die aktuelle Blockadehaltung nützt niemandem. Es steht viel zu viel auf dem Spiel.

ZEIT ONLINE: Schon Mitte Juni ist Ihr Parteichef Sigmar Gabriel ausgerechnet in der Bild-Zeitung auf Distanz zu Griechenland gegangen. Die "überzogenen Wahlversprechen" der griechischen Regierung würden nicht vom deutschen Steuerzahler bezahlt, sagte Gabriel. Die Geduld vieler Deutscher sei am Ende. Ist das also die Solidarität der SPD mit Griechenland?

Miersch: Viele Deutsche stehen dem aktuellen Verhalten der griechischen Regierung kopfschüttelnd gegenüber. Es ist legitim, dass der Parteivorsitzende das beschreibt. Aber es darf keinen Zweifel geben, dass die SPD in dieser schwierigen Zeit an der Seite der Menschen in Griechenland steht.

ZEIT ONLINE: Indem er darauf hinweist, dass es im Falle eines Grexits humanitäre Hilfe gibt? Das klingt mehr nach harter Hand als nach dem Versuch, noch etwas an der schwierigen Situation zu ändern.

Miersch: Wir alle hoffen, dass es nicht so weit kommt.

ZEIT ONLINE: Sie haben auf dem Parteikonvent gegen die Vorratsdatenspeicherung gestimmt – als einer von zwei Vorstandsmitgliedern. Am Ende hatte Sigmar Gabriel nur eine knappe Mehrheit. Was sagt das über die Stimmung in der SPD?

Miersch: Es ist gut, dass wir diskutieren und ich habe die Debatte beim Parteikonvent als sehr sachlich empfunden. Das knappe Ergebnis sollte aber alle zum Nachdenken darüber bringen, wie man so sensible Themen künftig in der Partei kommuniziert.

ZEIT ONLINE: Also fanden Sie das Verhalten von Sigmar Gabriel nicht glücklich?

Miersch: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit der Vorratsdatenspeicherung einen Paradigmenwechsel einleiten, eine gefährliche Einengung der Freiheit hin zu vermeintlicher Sicherheit. Und ja, es hätte vielleicht geholfen, diese Zweifel vor dem Parteikonvent zuzulassen.

ZEIT ONLINE: Die SPD-Führung argumentierte, dass ein Nein zur Vorratsdatenspeicherung die Regierungsfähigkeit aufs Spiel setze. Ihr Argument: Der Gesetzesvorschlag des SPD-Ministers ist bereits im parlamentarischen Verfahren.

Miersch: Das zeigt, wie sehr wir uns manchmal von demokratischen Grundprinzipien entfernen. Das Parlament hat noch nicht einmal über den Entwurf der Bundesregierung beraten, das sollte man schon noch abwarten.

ZEIT ONLINE: Es ist der klassische Konflikt für den linken Flügel einer Regierungspartei: Wie beharrt man auf Prinzipien und macht dennoch Realpolitik?

Miersch: Keine Frage – wer Verantwortung in einer Regierung trägt, muss immer auch Kompromissbereitschaft zeigen. Diskussionen in Parteien sind aber etwas sehr wertvolles und Politik ist das Ringen um bessere Argumente. Eine Diskussion mit Verweis auf die Regierungsfähigkeit abzuwürgen, halte ich für falsch.

ZEIT ONLINE: Wie kommt die SPD nun aus dem 25 Prozent Turm? Haben Sie als neuer Sprecher der Linken eine Idee?

Miersch: Die Menschen erkennen durchaus an, was wir in der großen Koalition geleistet haben. Darüber hinaus müssen wir aber ein klares Profil entwickeln, dass sich von anderen Parteien deutlich unterscheidet und über die Alltagspolitik hinausgeht: Welche Gesellschaft wollen wir? Wie können Männer und Frauen gleichberechtigt zusammenleben? Und wie können wir die immer weiter aufgehende Schere zwischen Arm und Reich wieder schließen? Das sind zentrale Fragen für die SPD, die wir beantworten müssen.

ZEIT ONLINE: Sigmar Gabriel setzt auf das Sicherheitsgefühl der Deutschen: Vorratsdatenspeicherung, seriöse Wirtschaftspolitik. Klingt mehr nach CDU, als nach linker Politik.

Miersch: Jeder Mensch möchte Sicherheit, das ist völlig klar. Deswegen ist für die Sozialdemokratie die Friedenspolitik ein großes Thema. Für die SPD-Linke ist aber vor allem auch die materielle Absicherung wichtig, die Sicherheit durch Solidarität. Dafür müssen wir uns vor allem über die Zukunft unserer sozialen Sicherungssysteme Gedanken machen.

ZEIT ONLINE: Geht Solidarität ohne Steuererhöhungen?

Miersch: Um das Auseinanderdriften von Arm und Reich zu stoppen, müssen wir ran an die Steuerpolitik. Dazu hat die SPD klare Beschlusslagen. Die Vermögenssteuer ist für mich jedenfalls nicht vom Tisch.