Die Entscheidung des SPD-Parteischiedsgerichts Hannover, der frühere Abgeordnete Sebastian Edathy müsse seine Mitgliedschaft für drei Jahre ruhen lassen, wird niemanden befreien – die Partei nicht, die Öffentlichkeit nicht, und schon gar nicht Sebastian Edathy. Jener war sich nicht zu schade, auf Facebook Wetten darüber anzubieten, dass es den Genossen auch weiterhin nicht gelingen werde, ihn aus ihren Reihen auszuschließen. Und gegen das bisschen Kritik, das die verzagte Entscheidung des Schiedsgerichts enthält, will Edathy auch noch Berufung einlegen.

Es ist richtig: Die SPD hat von Anfang an in dieser Affäre glücklos agiert. Es kann für keine Partei, schon gar keine sozialdemokratische, ein Ausschlussgrund sein, dass jemand pädophil sein könnte oder sich Bildbände mit nackten Jungen bestellt. Sigmar Gabriel aber hat sich gleich nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Edathy gestellt und eben das gefordert.

Pädophilie ist die letzte Perversion, die noch zu hassen erlaubt ist. Aber eine Partei der zweiten Chance, wie sie die SPD sein will, die sich zugute hält, aufgeklärt mit menschlichen Verfehlungen umzugehen, kann sich nicht von solchen Affekten leiten lassen. Pädophile können ihre Neigung nicht einfach ablegen – aber sie können lernen, sie zu kontrollieren und nicht übergriffig zu werden. Eine sozialdemokratische Partei muss so etwas wissen. Und mit solchen Vorwürfen entsprechend umgehen.

Dabei hätte die SPD einen echten Grund gehabt, Edathy den Stuhl vor die Tür zu stellen. Er hat sich absolut parteischädigend verhalten – aber nicht dadurch, dass er einen fragwürdigen Bildband bestellte. Sondern dadurch, dass Edathy seinen Genossen Michael Hartmann – den einzigen, der zu ihm hielt und der selbst mit persönlichen Problemen zu kämpfen hat – vor der gesamten Hauptstadtpresse in den Staub trat, dabei treulich versichernd, das geschehe nur der Wahrheitsfindung zuliebe. Wenn das nicht gegen den sozialdemokratischen Geist der Solidarität verstoßen hat, ist schwer zu sehen, was man dafür sonst anstellen müsste.

Spott und Arroganz sind nicht strafbar, und darüber hinaus ein durchsichtiges Manöver. Dass man von jemandem in Edathys Lage nicht die Größe erwarten konnte, zu sagen: Ich habe ein Problem, ich brauche Hilfe, leuchtet ein. Im Gerichtsaal von Verden, wo gegen ihn wegen des Besitzes kinderpornografischen Materials verhandelt wurde, hatte er seinen Anwalt einmal kurz sagen lassen: "Die Vorwürfe treffen zu." Dieses Eingeständnis hatte die Staatsanwaltschaft zur Voraussetzung für die Einstellung des Verfahrens gemacht.

Das war's aber auch an Beiträgen Edathys zur Wahrheitsfindung. Und selbst dieses klägliche Bisschen wurde sofort nach Ende der Verhandlung auf Facebook wieder eingeholt. Seither heißt es bei Edathy konsequent: "Wer weiterhin tatsachenwidrig behauptet, ich hätte mich im Besitz von kinderpornografischen Fotos und Videos befunden, muss mit Anzeige und Klage-Einreichung rechnen. Es reicht jetzt langsam mit den Verleumdungen!"

Es gibt in den SPD-Statuten der Gründungsjahre den Begriff des "ehrlosen Verhaltens". Das Soldatische daran ist uns heute eher fremd. Aber natürlich hat es auch etwas mit Ehre zu tun, wenn man so gar keine Form findet, zu den eigenen Schwächen zu stehen. Ein Mann, der lieber einen Parteifreund reinreißt, als sich mit seinen Verfehlungen zu beschäftigten – was hat der in der SPD verloren?