Konrad Adam hat seinen Sprössling noch nicht aufgegeben. Der Mitbegründer der Alternative für Deutschland (AfD) denkt zwar über einen Austritt nach. Verlassen möchte er seine Partei, die er als sein Kind betrachtet, aber noch nicht. "Ich hatte immer die Hoffnung, dass die Dummheiten und Unarten mit der Pubertät überwunden werden", sagt Adam ZEIT ONLINE. "Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob das jemals der Fall sein wird." Er werde nun erst einmal abwarten und schauen, wie sich die neue Führung um Parteichefin Frauke Petry entwickle.

So viel Geduld wie der ehemalige Co-Vorsitzende Adam haben andere nicht. Seit der Niederlage des liberal-konservativen Flügels um den früheren Parteichef Bernd Lucke auf dem Essener Parteitrag treten Mitglieder in Scharen aus. Bislang 512 Austritte hat die Bundesgeschäftsstelle registriert, rund 2,5 Prozent der Mitglieder seien das. Viele weitere haben angekündigt, die Partei verlassen zu wollen. Unter den Flüchtenden finden sich einige prominente Vertreter und Funktionsträger wie der frühere BDI-Chef und heutige Europaabgeordnete Hans-Olaf Henkel, sein Parlamentskollege und baden-württembergische Landesvorsitzende Bernd Kölmel, seine schleswig-holsteinische Amtskollegin Ulrike Trebesius, der AfD-Landesvorsitzende in Rheinland-Pfalz, Uwe Zimmermann, der Präsident des Bundesschiedsgerichts, Franz Wagner, und die ehemalige stellvertretende Bundesvorsitzende Patricia Casale. Auch Mitbegründer und Ex-Vorsitzender Bernd Lucke will noch in dieser Woche über einen Austritt und die Gründung einer neuen Partei entscheiden.

Der Essener Parteitag war nicht nur ein persönlicher Machtkampf zwischen Lucke und Petry, sondern auch eine Entscheidung über die Ausrichtung der AfD: Wie stark grenzt sich die Partei nach ganz rechts ab? Soll sie für konservative Bürgerlichkeit und Wirtschaftsliberalismus stehen oder sich mehr um Protestwähler bemühen und dabei auch bewusst ausländer- und islamkritische Ressentiments in Kauf nehmen? Bislang fanden sich in der AfD alle diese Strömungen, die Lucke als Parteichef zu bändigen suchte. Diesen Kampf hat er verloren und wurde unter Buhrufen vom Hof gejagt. Mit dem massenhaften Austritt seiner Anhänger könnte es nun zu einer Häutung kommen, mit der die AfD den konservativ-liberalen Flügel hinter sich lässt und an deren Ende eine klar nationalkonservative Partei steht. Ob diese dem Untergang geweiht ist oder als neue rechte Partei gute Wahlchancen hat, ist eine offene Wette.

Die selbsternannten Liberalkonservativen in der AfD stehen nun jedenfalls vor den Trümmern ihrer Hoffnungen auf eine neue konservative und eurokritische Kraft in Deutschland. Eine bürgerliche Partei rechts von der CDU. Die AfD sei nicht mehr ihre Partei, sagt die Europaabgeordnete Trebesius am Montag. Sie sei in eine Partei eingetreten, die Alternativen zur jetzigen Politik habe formulieren wollen. Die Entscheidungen auf dem Essener Parteitag stünden jedoch dafür, dass die Partei systemkritisch sein und Totalopposition ausüben wolle. 

Pöbelnder Rechtsruck

Es ist nicht nur die machtpolitische und inhaltliche Niederlage, die das Lucke-Lager frustriert. Viele von ihnen, wie Ex-BDI-Chef Henkel, halten die sogenannten bürgerlichen Werte hoch, mitsamt ihren Regeln des Anstands. Mit Entsetzen erlebten sie deshalb den Parteitag, auf dem ausgebuht und rumgepöbelt wurde. "Es war schändlich, den zweifellos verdienstvollen Parteisprecher Bernd Lucke mit Buhrufen herauszudrängen, begleitet von 'Petry-Heil'-Rufen", sagt auch Adam, der mit Lucke und Petry bislang gemeinsam an der AfD-Spitze stand. Mehrere Parteitagsbesucher hatten berichtet, Petrys Unterstützer hätten ihren Anhängern vor jedem Wahlgang den Namen des jeweils zu wählenden Mitglieds per Handy geschickt. Und die neue Parteiführung musste Berichten entgegentreten, nach denen Petry vor allem von AfD-Mitgliedern gewählt worden sein soll, die mit Reisekostenzuschüssen und kostenlosen Busreisen aus östlichen Landesverbänden nach Essen gelockt worden seien.

Das Lucke-Lager wirft Petry jedenfalls vor, aus taktischen Gründen mit den Rechten zusammengearbeitet haben. Die neue Chefin sei inhaltlich eine Opportunistin, heißt es, von der nicht klar sei, wofür sie eigentlich stehe. Der pöbelnde Rechtsruck von Essen lässt viele der sogenannten Gemäßigten ihrer Partei nun den Rücken kehren. Die meisten von ihnen hatten sich bereits in Luckes neuem Verein Weckruf organisiert, der nun zu einer neuen Partei werden könnte. Der Vorstand um die Vorsitzende Trebesius will bis Mittwochnacht die Haltung seiner Mitglieder dazu abfragen. Danach werde man ein "starkes Signal" senden, hieß es. Man sei entsetzt über den "Rechtsruck" in der AfD, heißt es. 

Immer mit Anstand nach Recht und Gesetz

Dieses Entsetzen kann der ehemalige Vorsitzende Adam nicht teilen. Er findet rechts und links keine brauchbaren Begriffe mehr im politischen Spektrum, wie sich in der Griechenland-Krise zeige. "Viel mehr Sorgen als ein angeblicher Rechtsruck macht mir die Missachtung von Recht und Ordnung", sagt er. So habe er Grund, an der Unabhängigkeit mancher Schiedsgerichte der Partei zu zweifeln. Und auch auf dem Essener Parteitag habe er erlebt, dass "grundlegende demokratische Prozesse und Werte" nicht immer beachtet wurden. "Da wurden Wahllisten von der Parteiführung vorgegeben und vom Wahlvolk widerspruchslos nachvollzogen. So etwas ruiniert die Demokratie", sagt Adam. "Diese Methoden müssen sich ändern, damit ich mich in dieser Partei noch zu Hause fühle."

Es ist die Gegenposition zu Lucke und seinen Anhängern, die "Kulturkonservative" in der AfD halten könnte: Zum rechten Rand darf es zwar schwammig werden, aber bitte immer mit Anstand und nach Recht und Gesetz. Zwar ist es auch aus Sicht Adams notwendig, sich "nach ganz rechts" abzugrenzen. Zugleich sucht er inhaltlich aber auch eine Nähe zu rechtspopulistischen Bewegungen wie Pegida und ihren Ablegern. "Ihr Hauptmotiv ist das Gefühl, als Bürger nicht mehr viel zu sagen zu haben", sagt er.

Falls Adam die AfD doch auch noch verlassen sollte, tritt er dann in eine mögliche neue rechte Partei ein? "Nein", sagt er. Er gibt einer Neugründung auch kaum eine Chance, weil das Aufbruchsgefühl durch die AfD und ihre Kämpfe längst verloren sei. "Ich spüre in Reaktionen der Menschen derzeit viel Resignation und Müdigkeit." Ob Lucke sie trotzdem mit seinem Weckruf zu erreichen versucht, wird sich bis Ende der Woche entscheiden.