Buhrufe aus Tausenden Kehlen erfüllen die Grugahalle in Essen, als das erste Mal das Wort Weckruf fällt. Ausgesprochen am Mikrofon hat es Bernd Lucke. Gerade erfährt der AfD-Chef ein weiteres Mal, dass er als Spalter gilt, weil er seine innerparteilichen Anhänger in diesem Verein sammelt. Kurz versagt Lucke die Stimme. "Deshalb, wegen dieser Reaktion, spreche ich mit Ihnen darüber", laviert er und wirbt um Verständnis. Der Weckruf grenze nicht aus, er sei "eine Einladung zum Gespräch" – "Buh" und "Weckruf raus", skandiert das Plenum.

Tausende Arme recken sich mit roten Stimmkarten in die Luft – die Halle gleicht einem Meer des Widerstands, der Verachtung für Luckes Alleingang. Kleinlaut schließt Lucke seine Begrüßung der knapp 3.000 Mitglieder: "Das war mein erster Versuch, eine Hand zu reichen, die augenscheinlich nicht von jedem genommen werden möchte." 

Seit ihrer Gründung 2013 neigt die Alternative für Deutschland zur Spaltung. Von den Euro-Gegnern um Lucke grenzten sich bald die Nationalkonservativen um Parteivize Alexander Gauland und die Co-Vorsitzende Frauke Petry ab, die für Kinderreichtum wirbt und die Integration als Bringschuld von Ausländern sieht. Sie organisieren sich in der nationalistischen Bewegung Der Flügel, der Patriotischen Plattform oder in der mittlerweile nationalkonservativen Nachwuchsorganisation Junge Alternative. Sie bekämpfen sich über die Medien, in E-Mails, durch Intrigen und Indiskretionen.   

Die aufgereizte Stimmung zeigte sich auch am Vorabend. Lucke hatte mehrere Hundert Weckruf-Anhänger in einem Brauereirestaurant im Essener Norden versammelt. Die Nachwuchsorganisation Junge Alternative feierte im malerisch gelegenen Ruhrtal im Süden mit ebenso vielen Getreuen, darunter, neben NRW-Landeschef Marcus Pretzell, die Lucke-Widersacherin Petry und Gauland. 

Zehn Euro Eintritt für den Bundesvorsitzenden

Der dritte Vorsitzende Konrad Adam war der Einzige, der sich in beide Lager traute. Als er forschen Schrittes die Treppe zum Treffen des Weckrufs hoch eilt, verfolgt ihn ein Türsteher. Adam solle sich am Einlass anmelden, fordert der, und er müsse zehn Euro Eintritt zahlen – immerhin gibt es freies Abendessen. Adams Einwand, er sei der Bundesvorsitzende, bleibt wirkungslos. Erst nachdem er gezahlt hat, darf er bleiben.  

Zwei Stunden später, nach einer Odyssee mit S-Bahn und Taxi durch Essen, das Gegenteil: Devot begrüßt ein Jungnationaler den Parteichef auf dem frisch gemähten Rasen des Ausflugsrestaurants am Flusstal der Ruhr, er bekommt Getränkegutscheine in die Hand gedrückt.

Als ihm die Stimmung passend erscheint, greift sich Adam das Mikrofon und schildert in anklagendem Ton, was ihn beim Weckruf ereilte. "Ich sollte einen Weckruf-Button anstecken. Ich habe mich geweigert." Bisher galt Adam zwischen Petry und Lucke eher als der neutrale Dritte. Doch jetzt setzt auch er deutliche Spitzen gegen Lucke: "Ich werde keiner Vereinigung beitreten unterhalb der AfD", ruft er.

Wer sich hier unter den Gästen umhört, spürt: Viele sind sauer auf Lucke, weil er die Partei allein vertreten will, weil er die Partei als von Rechten durchsetzt dargestellt hat. Weil er beim Bremer Parteitag eine Satzung durchbrachte, die ihm alleinige Führung sichert. Viele verübeln ihm, dass er im Europaparlament für das Freihandelsabkommen TTIP stimmte und für Sanktionen gegen Russland ist. Dass er eng mit seinem Straßburger Parlamentskollegen Hans-Olaf Henkel zusammenarbeitet, der der Partei Kakophonie vorwarf. "Das sind alles Transatlantiker", Amerikafreunde also, schimpft Hartmuth Kiesel, AfD-Kreischef in Traunstein. Und sie halten Lucke für einen Spalter, weil er mit dem Weckruf seinen Machtanspruch signalisiert. "Ich bin in die AfD eingetreten als eine Einheit", sagt Matthias Gellner, Vizechef im AfD-Bezirk Münster.

In der Dampfbrauerei der Weckrufler ist die Stimmung noch radikaler. Die Nationalkonservativen, die Lucke bei der anstehenden Vorstandswahl nicht folgen wollen, "haben in der Partei nichts mehr verloren", fordert ein AfD-Stadtrat aus Ludwigshafen. Der Weckruf sieht sich heute hier als ein Club der Revolutionäre, eine Art innerparteiliche Opposition. Die oder wir – darum geht es hier.

Eine ähnliche Dynamik wie auf den Vorabendpartys herrscht in der Grugahalle. Sowohl die Reaktionen von Luckes Anhängern als auch die seiner Gegner fallen lautstark aus, die Tagungsleitung bittet um Ruhe und Fairness. Unter den knapp 3.500 angereisten Mitgliedern gibt es kein Lager, das eindeutig überwiegt. So stark die Buhrufe der Weckruf-Gegner waren, so stark jubeln die Mitglieder Lucke zu, als er am Mikrofon konservative Tugenden aufzählt.